338 ZU DEN MÄRCHEN.
ja auch nur eine höhere und freiere Sprache des Menschen ist.Nicht anders als dort deutet dieses Verhältnis auf eine denTrennungen der Völker vorangegangene gemeinsame Zeit; suchtman aber nach diesem Ursprünge hin, so weicht er immerwieder in die Ferne zurück und bleibt wie etwas Unerforsch-liches und darum Geheimnisreiches in der Dunkelheit zurück.
Was den Inhalt selbst betrifft, so zeigt er bei nähererBetrachtung nicht ein blosses Gewebe phantastischer Willkür,welche nach der Lust oder dem Bedürfnis des Augenblicksdie Fäden bunt in einander schlägt, sondern es lässt sich darinein Grund, eine Bedeutung, ein Kern gar wohl erkennen. Essind hier Gedanken über das Göttliche und Geistigeim Leben aufbewahrt: alter Glaube und Glaubens-lehre in das epische Element, das sich mit der Geschichteeines Volks entwickelt, getaucht und leiblich gestaltet.Doch Absicht und Bewusstsein haben dabei nicht gewirkt, son-dern es hat sich also von selbst und aus dem Wesen der Über-lieferung ergeben, daher sich auch die natürliche Neigungäussert, das von ihr einmal Empfangene, aber halb Unver-ständliche nach der Weise der Gegenwart zu erklären unddeutlich zu machen. Je mehr das Epische Überhand gewinnt,desto mehr wird das Bedeutende verhüllt.
Beweise für die obigen Sätze sind vielfach in den Anmer-kungen, in welchen wir überhaupt, was darauf Bezug hat, so-gut wir konnten, zusammengestellt, enthalten, und es wirddarnach niemand mehr die Behauptung auffallen, dass hier alte,verloren geglaubte, in dieser Gestalt aber noch fortdauerndedeutsche Mythen anzuerkennen sind. Wem die Natur derMythen nicht fremd ist, der weiss, dass sie bei allen Völkernso häufig als Märchen dargestellt wurden, oft nach dem Geistgewisser Zeitalter nicht anders erfasst werden konnten 1 ).
') Wie gleicht, um aus vielen nur ein Beispiel anzuführen, die so bedeu-tende Mythe des unter den Sternbildern selbst glänzenden Perseus völlig einemunserer Märchen. Auch wäre es nicht schwer, in ihm einen Wiederscheinvon unserm Siegfried zu zeigen. Wie dieser, ist er bei seiner Geburt ineinem Kästchen aufs Meer ausgesetzt. Bald unternimmt er, von listigerFalschheit angetrieben, jenes Wagnis mit dem Haupt der Gorgo, wie Sieg-