ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 337
sichern Kreis, dessen deutliche Bezeichnung eben deshalb nichtimmer nöthig war.
BEDEUTUNG ALS ÜBERLIEFERUNG.
So könnte man von dem Wesen der Märchen reden, wennman sie bloss als etwas in der Gegenwart einmal Vorhandenesbetrachten wollte. Fragt man aber nach ihrer Herkunft, soweiss niemand von einem Dichter und Erfinder derselben; sieerscheinen aller Orten als Überlieferungen und als solchein mehr als einer Hinsicht merkwürdig. Erstlich ist es un-widersprechlich, dass sie schon seit Jahrhunderten auf dieseWeise unter uns fortgelebt, zwar mannigfach im Äussern sichumwandelnd, aber doch bei ihrem eigentlichen Inhalte behar-rend. Wollte man annehmen, dass sie von irgend einem Punktin Deutschland anfänglich ausgegangen wären, so steht ihreVerbreitung durch so viele ganz von einander getrennte Ge-genden und Landschaften und die fast jedesmal eigenthüm-liche und unabhängige Bildung entgegen; sie müssten an jedemOrte wieder neu umgedichtet worden sein. Eben darum istauch eine Mittheilung durch Schrift, die ohnehin bei dem Volkkaum vorkommt, nicht denkbar. Aber nicht bloss in den ver-schiedensten Gegenden, wo Deutsch gesprochen wird, sondernauch bei den stammverwandten Nordländern und Engländernfinden wir sie wieder; noch weiter bei den wälschen und selbstbei den slavischen Völkern in verschiedenen, nähern und ent-ferntem Graden der Verwandtschaft. Besonders auffallend istdie Übereinstimmung mit den serbischen Märchen, denn eswird wohl niemand darauf verfallen, dass die Erzählungen ineinem einsamen hessischen Dorfe durch Serbier könnten dahinverpflanzt sein, so wenig als auf das Gegentheil. Endlich findensich sowohl in einzelnen Zügen und Wendungen als im Zu-sammenhang des Ganzen Übereinstimmungen mit morgenlän-dischen, persischen und indischen Märchen. Die Verwandt-schaft also, welche in der Sprache aller dieser Völker durch-bricht und welche noch neuerdings Rask scharfsinnig bewiesenhat, offenbart sich gerade so in ihrer überlieferten Poesie, welche
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