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1 (1881)
Seite
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ÜBER DAS WESEN DER MÄRCHEN. 335

Natur und diese unschuldige Vertraulichkeit des Grössten undKleinsten hat eine unbeschreibliche Lieblichkeit in sich und wirmöchten lieber dem Gespräch der Sterne mit einem armen,verlassenen Kinde, als dem Klang der Sphären zuhören. DasUnglück ist eine finstere Gewalt, ein ungeheurer menschen-fressender Riese, der doch besiegt wird, da eine gute Frauoder Tochter zur Seite steht und der nur die Freude am Glückerhöht, das sich dann endlos aufthut. Das Böse ist nicht einKleines, Nahstehendes und das Schlechteste, weil man sichdaran gewöhnen könnte, sondern etwas Entsetzliches, strengGeschiedenes, dem man sich nähern darf. Eben so furchtbarauch die Strafe: Schlangen und giftige Würmer verzehren ihreOpfer, oder in glühenden Eisenschuhen muss es sich zu todttanzen. Das alles redet unmittelbar zum Herzen und bedarf keinerErklärung, aber bald ergiebt sich noch eine tiefere Bedeutung:die Mutter wird in dem Augenblick ihr rechtes Kind wiederim Arme haben, wo sie den Wechselbalg, den ihr die Haus-geister dafür gegeben, zum Lachen bringen kann, denn in demLächeln fängt das Leben des Kindes an und währt in derFreude fort, und darum reden beim Lächeln im Schlaf dieEngel mit ihm. Eine Viertelstunde täglich ist über der Machtdes Zaubers, wo die menschliche Gestalt frei hervortritt, weilkeine Gewalt uns ganz einhüllen kann und jeder Tag Augen-blicke gewährt, wo der Mensch alles Falsche abschüttelt undfrei und ungebunden aus sich selbst herausblicken kann. Da-gegen wird der Zauber auch nicht ganz gelöset, ein Fehlerwird begangen und ein Schwanenflügel bleibt statt des Arms,oder weil eine Thräne gefallen, ist ein Auge mit ihr verloren.Durch den Dummling wird die weltliche Klugheit gedemüthigt,denn er, weil er reines Herzens ist, gewinnt allein das Glück.Jede wahre Poesie ist der mannigfaltigsten Auslegung fähig,denn da sie aus dem Leben aufgestiegen ist, kehrt sie auchimmer wieder zu ihm zurück; sie trifft uns wie das Sonnen-licht, wo wir auch stehen; darin ist es gegründet, wenn sichso leicht aus diesen Märchen eine gute Lehre, eine Anwen-dung für die Gegenwart ergiebt; es war weder ihr Zweck,noch sind sie, wenige ausgenommen, deshalb entstanden, aber