VORREDE ZUM ZWEITEN BAND. 329
Gegenden deutscher Freiheit, haben sich an manchen Ortendie Sagen als eine fast regelmässige Vergnügung der Sonntageerhalten: auf den Bergen erzählten die Hirten jene am Harzauch bekannte und vielleicht jedem grossen Gebirge eigenevom Kaiser Rothbart, der mit seinen Schätzen darin wohne,dann von den Hünen, wie sie ihre Hämmer stundenweit vonden Gipfeln sich zugeworfen; manches, was wir an einemandern Orte mitzutheilen denken. Das Land ist noch reich anererbten Gebräuchen und Liedern.
Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft miteiner Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn,durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitge-theilten, darum echt hessischen Märchen, so wie mancherleiNachträge zum ersten Band erhalten haben. Diese Frau, nochrüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heisst Viehmännin,hat ein festes und angenehmes Gesicht, blickt hell und scharfaus den Augen und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schöngewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtnis,welche Gabe, wie sie sagt, nicht jedem verliehen sei undmancher gar nichts behalten könne; dabei erzählt sie bedächtig,sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran,erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, sodass man ihr mit einiger Übung nachschreiben kann. Manchesist auf diese Weise wörtlich beibehalten und wird in seinerWahrheit nicht zu verkennen sein. Wer an leichte Verfälschungder Überlieferung, Nachlässigkeit bei Aufbewahrung und daheran Unmöglichkeit langer Dauer als Regel glaubt, der müsstehören, wie genau sie immer bei derselben Erzählung bleibtund auf ihre Richtigkeit eifrig ist; niemals ändert sie bei einerWiederholung etwas in der Sache ab und bessert ein Versehen,sobald sie es bemerkt, mitten in der Rede gleich selber. DieAnhänglichkeit an das Überlieferte ist bei Menschen, die ingleicher Lebensart unabänderlich fortfahren, stärker, als wir,zur Veränderung geneigt, begreifen. Eben darum hat es auch,so vielfach erprobt, eine gewisse eindringliche Nähe und innereTüchtigkeit, zu der anderes nicht so leicht gelangt, das äusser-lich viel glänzender erscheinen kann. Der epische Grund der