VORREDE ZUM ERSTEN BAND. 327
Wir haben uns bemüht, diese Märchen so rein als möglichwar aufzufassen, man wird in vielen die Erzählung von Reimenund Versen unterbrochen finden, die sogar manchmal deutlichalliteriren, beim Erzählen aber niemals gesungen werden, undgerade diese sind die ältesten und besten. Kein Umstand isthinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden, dennwir hätten uns gescheut, in sich selbst so reiche Sagen mitihrer eigenen Analogie oder Reminiscenz zu vergrössern, siesind unerfindlich. In diesem Sinne existirt noch keine Samm-lung in Deutschland, man hat sie fast immer nur als Stoff be-nutzt, um grössere Erzählungen daraus zu machen, die, will-kürlich erweitert, verändert, was sie auch sonst werth seinkonnten, doch immer den Kindern das Ihrige aus den Händenrissen und ihnen nichts dafür gaben. Selbst wer an sie ge-dacht, konnte es doch nicht lassen, Manieren, welche die Zeit-poesie gab, hineinzumischen; fast immer hat es auch an Fleissbeim Sammeln gefehlt und ein Paar wenige, zufällig etwa auf-gefasste wurden sogleich mitgetheilt x ). Wären wir so glücklichgewesen, sie in einem recht bestimmten Dialekt erzählen zukönnen, so zweifeln wir nicht, würden sie viel gewonnen haben;
*) Musäus und Naubert verarbeiteten meist, was wir vorhin Localsagenannten, der viel schätzbarere Otmar nur lauter solche; eine Erfurter Samm-lung von 1787 ist arm, eine Leipziger von 1799 gehört nur halb hierher,"wiewohl sie nicht ganz schlecht zu nennen, eine Braunschweiger von 1801unter diesen die reichste, obgleich mit ihnen in verkehrtem Ton. Aus derneusten Büschingischen war für uns nichts zu nehmen, ausdrücklich aber mussnoch bemerkt werden, dass eine vor ein Paar Jahren von einem Namens-verwandten A. L. Grimm unter dem Titel: Kindermärchen zu Heidelbergherausgekommene, nicht eben wohl gerathene Sammlung mit uns und derunsrigen gar nichts gemein hat.
Die eben ausgegebenen Wintermärchen vom Gevatter Johann (Jenabei Voigt 1813) sind nur dem Titel nach neu und schon vor zehn Jahrenerschienen. Sie haben mit der Leipziger Sammlung einen Verfasser, der sichauch Peter Kling nennt, und sind in derselben Manier geschrieben. Nur dassechste und zum Theil das fünfte Märchen haben Werth, die andern sindohne Kern und bis auf wenige Einzelheiten hohle Erfindungen.
Wir bitten jeden, dem Gelegenheit und Neigung es möglich macht, diesesBuch im Einzelnen zu verbessern, die Fragmente zu ergänzen, besonders aberneue UDd sonderlich Thiermärchen zu sammeln. Für solche Mittheilungenwürden wir sehr dankbar sein und durch den Verleger oder durch die Buch-handlungen in Göttingen, Cassel und Marburg sie am besten erhalten.