ARNIMS KRONENWÄCHTER 309
durch das Schicksal, wie geläutert erscheint er uns in diesemAugenblick! Wir fühlen, dass er seinem Ende entgegengehendarf, wir sehen auch, dass auf den Thron erhoben oder in dieMitte des Lebens verschwunden die Geschicke den Königlichenimmer königlich bedienen. Statt dass bei den Hohen amSterbetag in allen Kirchen für sie gebetet wird, führen seineguten Engel ihn selbst zum Gebet in die Kirche; der Tag derTaufe seines Kindes feiert den Flug seiner Seele nach derHeimath, nach der er sich so oft gesehnt. Sein Geist entfaltetdie reinen Schwingen in den Worten: „O, wie so oft hab' ichein Zeichen erhofft, zogen Sterne den schimmernden Bogendurch die himmlische Leere, durch die himmlische Tiefe, dassich der irdischen Schwere auf immer entschliefe. Aber derMorgen löschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte desHerzens Haus, und des Alltäglichen Macht zwang die Ahndungder Nacht." Er sinkt ins Grab, als aus Antons Wunde seinBlut verströmt; dies Ende, obgleich bei der Vertauschungvoraus geahnt, hat uns doch erschreckt. Der Brunnen hörtauf zu fliessen, das Böse scheint in sich zu versinken, undAnna und Anton werden wahrscheinlich im zweiten Band einneues Leben beginnen.
Überschauen wir noch einmal das Ganze, so scheint einreichbeschwertes Füllhorn vor uns ausgegossen, ein Gemischvon künstlichen Kleinoden, seltenen, zum Theil fremdartigenBlumen und Früchten ohne ängstliche, für die Zukunft sorgendeSparsamkeit dargeboten. Die Gesinnung, die durch das ganzeBuch herrscht, ist edel, rein und liebevoll. Der Dichter er-kennt seine Welt und ihre Verhältnisse, aber er nimmt anallem Antheil; er weiss, was die Erfahrung Erkältendes hat,aber das Feuer wird davon nicht gelöscht, nur gemildert undgereinigt. Es ist erlaubt, wieder von der Lehre einer Dichtungzu reden; der frühere Roman des Verfassers, die Gräfin Dolores,gab sie unmittelbarer, weil er Verhältnisse der Gegenwart be-handelte, und es war davon eine reiche Kenntnis gezeigt; hierliegt sie entfernter, aber darum ist sie auch unbefangener undvielseitiger. Wer kann es z. B. verwerfen, wenn wir in Ber-tholds Charakter die ungewissen, gegeneinander arbeitenden