ARNIMS KRONENWÄCHTER. 305
halten, die Neugierde, womit sie das Haus gleich durchsucht,uns im Gegensatz desto mehr missfallen; Wahrheit ist übrigenso-ewiss dabei.
Von der Reise nach Augsburg an bis zu dem Brunnenbauist der Fortgang der Geschichte heiter, schön und durchaus'wohlgefällig; es ist ein Feld voll Ebenmass, wo die Saat ge-drängt und gleichmässig in der Erzählung aufschiesst. Nurdas Politische, besonders in dem Gespräch mit dem Schreiberdes Kaisers, strebt darüber hinaus und ist doch zu dünn undfremdartig; auch führt der Dichter hier manchmal aus demBereich der Dichtung heraus zu der urkundlichen Wahrheit,so dass wir nicht wissen, wem wir anhangen sollen. Dass sichdie Dichtung an eine bestimmte Zeit und wirkliche Orte an-lehnt, an gewissen Begebenheiten aufwächst, dagegen haben wirnichts einzuwenden; was ist sie überhaupt anders als wofürsich diese ausdrücklich ausgiebt? Nicht geschichtliche Wahrheit,sondern eine geahnte Füllung der Lücken in der Geschichte;ein Bild im Rahmen derselben. Jeder Missbrauch wird ver-hindert, indem wir uns dieses Verhältnisses immer wohl be-wusst bleiben. Geht aber der Dichter weiter, ergreift er eineschon von der Geschichte mit charakteristischen Zügen be-stimmte, uns nahe liegende Einzelheit und bildet sie nachseinem besondern Talent und seiner besondern Ansicht weiterfort, so begebt er ein Unrecht: wir meinen hier das Einmischenvom Kaiser Max, noch mehr von Luther. Es regt sich da-gegen ein deutliches Gefühl in uns, das Recht wird gekränkt,das wir auf die unverletzliche Wahrheit der Geschichte haben;denn hier ist keine Ausfüllung derselben, der geschichtlicheLuther ist kein Rahmen zu dem Poetischen hier, sondern esist eine Fortsetzung. Man sage nicht, Luther handle in seinemGeist, rede selbst mit seinen Worten, man könnte antworten,desto schlimmer, nun scheint es wie urkundliche Wahrheit undist keine, so sehr sich auch die Kraft des Dichters bewährenmag. Die modernen Ergänzungen verlorener Bücher derKlassiker werden doch nie als Quelle angesehen, so geschicktsie möchten ausgefallen sein. Wie will sich der Dichter beidem dritten oder vierten entschuldigen, der die urkundliche
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