ARNIMS DOLORES. 295
Es ist ein schöner Gedanke, dass Johannes nun ein heiligesLeben führt und die Sterbende tröstet, aber für einen so räthsel-haften Charakter hat der nicht leicht ein rechtes Urtheil, derbedenkt, dass die Heiligung des Lebens in der Geschichtemeist als die Blüthe eines thatenreichen erscheint. Nach denVedas ist den Braminen verordnet, wenn sie das Kind ihresKindes sähen und ihre Haare grau, dann sollten sie sich zueinem heiligen Leben wenden. Auch von dem Minister müssenwir sagen, dass wir ihn nicht recht als leichtsinnigen Graf, deran seinem brennenden Palast seinen Zigaro anzündet, und alsEntenfänger denken können. Beide einzeln aber sind gut, nochmehr aber hat uns der grillenhafte Alte angezogen mit seinenAutomaten und dem unsichtbaren Mädchen. Dabei reden wirwohl am besten einige Worte von der Neigung zu dem Sonder-baren und Auffallenden, die in dem ganzen Buch nicht zu ver-kennen ist und die gewiss oft vorgeworfen wird. Wir findensie ganz natürlich bei einem Dichter, der so auf das Lebendigeund Individuelle hindringt. In einer Zeit, wo eine allgemeineGesinnung herrscht, ein Nationalcharakter und ein bestimmtesStreben, da hat jede ausserordentliche Kraft Gelegenheit sichzu äussern und, indem sie ihre Stelle findet, wo sie sich thätigausbreiten kann, gewinnt sie Mass und Begrenzung. Diegrösste Kraft wird dann immer oben stehen, das ist die Aus-zeichnung und einzige Sonderbarkeit. In diesen Zeiten abereiner unendlichen Spaltung kann jede ausserordentliche einzelneKraft sich kaum anders äussern, als so, dass sie den meistenSeltsamkeit ist: wer hat Gelegenheit oder den Willen, durchmannigfachen Verkehr mit der Welt ihr eine rechte Richtungzu geben und sie zu zähmen? So wird sie einsam stehend,festgedrängt nach einer Seite hin aufsteigen und ohne Masssein. Wer will es aber dem Dichter verdenken, wenn er zudiesen Erscheinungen sich wendet, die immer eine lebendigeKraft voraussetzen, also poetisch sind, in dieser gar nicht poe-tisch reichen Zeit?
Die einzeln eingewebten Novellen, die alle, wie es seinmuss, Bezug auf das Ganze haben, werden den meisten zusagen.Die Erzählung von der Fürstin rechnen wir auch dazu; obgleich