294 KUNSTPOESIE.
wicklung mit immer steigendem Interesse und voll originell er-fundener Situationen. Auch die einzelnen Personen, die eintretenund Bedeutung in der Geschichte erhalten, müssen wir sehrrühmen, es ist eine grosse Wahrheit in der Darstellung dieserNaturen, in dem scharfgeschliffenen Frank, in Waller, der einsündliches Gaukelspiel mit dem Heiligsten treibt, und in demBaron, der wie die Grossohren bei Pomponius Mela und Pliniussich gar nicht zu schämen braucht, weil er sich in seine eigenenOhren einwickelt. Die erste Hälfte des zweiten Bandes ist unsweniger lieb. Nicht etwa, als fänden wir das tiefere Versinkender Dolores nicht im Zusammenhang oder sei uns die Veran-lassung nicht gut gewählt. Sie ist vielmehr recht aus der Zeitgegriffen und berührt eine Neigung moderner Frauen, die unsimmer einer der unnatürlichsten Anblicke gewesen: wie auchdie Alten (wir meinen einmal die nordischen) urtheilten, dennein gutes Schwert durfte nicht in der Gegenwart einer Fraugezogen werden. Was uns zuwider, das ist der Markese, dereinzige, in welchem wir kein rechtes Leben erkennen können.Was in ihm wahr isf, ein giftiger Sumpf mit leichter Bedeckung,auf welcher täuschend eine reiche Vegetation luxurirt, die an-lockt und jeden, der sich nähert, hinunter stürzen lässt, diesesEntsetzliche unserer Zeit ist in dem Roquairol viel gewaltiger,tiefer und poetischer schon ausgeführt (wiewohl diesen dasstete Bewusstsein der Schuld von dem Markese unterscheidetund ihn noch sündhafter macht). Klelie, die im ersten Bandals Gegensatz zu der Dolores schön wie eine stillwirkendeHeilige erschien, dachten wir, würde mehr in die Begebenheiteintreten, so aber ist der Blüthenschnee der Dichtung fast zuhoch auf sie gefallen. Manchmal scheint es uns, als ob dieIdee des Buchs vor der innern Natur der Personen Gewaltgehabt. Wir müssen die Unendlichkeit der Gnade und Kraftder Busse anerkennen für die grösste Sünde, aber wir begreifennicht oder haben keine Erfahrung davon, wie ein leeres Herzvon Liebe je kann angefüllt werden, wie es von der Doloresbehauptet wird: die Sünde, die gebüsst wird, setzt ein ver-lorenes Paradies voraus, das wieder erlangt wird. Doloresaber, so weit wir sie kennen, hat nie darin gewandelt.