Druckschrift 
1 (1881)
Seite
287
Einzelbild herunterladen
 

DIE SCHONE L1TTERATUR DEUTSCHLANDS VON HÖRN. 287

die drei griechischen Tragiker offenbar zusammenhängen, inShakespeare auf dieselbe Weise besitzen, und wie es sich mit demCalderone verhalte, ob wir in diesem wieder den Shakespearefinden oder umgekehrt. Da jeder Dichter seine eigene Form hat,so lassen sie sich eben nicht, wie in einer Fabrik die Kasten, ineinander stellen, was freilich zu guter Ordnung und zum Platz-machen in einer Ästhetik recht bequem wäre. Noch einen an-dern Ausdruck dürfen wir nicht vorbeigehen lassen, da wir dessenMöglichkeit auch der philosophischen Manier, sich auszudrücken,aufbürden; Herr Hörn sagt von Wallenstein, unstreitig einem.von deii herrlichsten und kräftigsten Werken Schillers, das amsichersten auf der Erde steht, es seiein Analogon der Poesie",ohne dass er es eben sehr damit tadeln will. Und doch kannein Analogon von Poesie nichts anders sein, als was ein voll-endetes Wachsbild von einem Menschen ist, das jedes natür-liche Gemüth mit unwillkürlichem Schauder und Entsetzen be-trachtet, und daher das Schlimmste, was man einem Gedicht nurnachsagen kann.

Zum Schluss theilt der Verfasser noch einige Bemerkungenüber die Gegenwart mit. Es freut uns, dass er gewusst miteinem Trost und dem Anerkennen zu schliessen, dass Geist,Sinn und Talent in einem gewissen Grade durchgedrungen sind,man braucht, um dies wahr zu fühlen, nur etwa dreissig Jahrezurückzublicken. Damit hebt sich auf, was er früher von demDasein eines poetischen Eunuchismus (S. 187) gesagt, und einTheil der vorangehenden Klagen, d. h. sie zeigen sich als solche,die keinem Jahrhundert, auch dem reichbegabtesten, gefehlt. Dieallein hätten wir besonders hervorgehoben, dass die zerfetzendeKritik so nachtheilig gewirkt und viel unschuldige Freude ander Poesie getödtet. Man fordert unablässig Meisterwerke undweiss doch nicht mehr sich über das Geringere zu freuen, ja,.man glaubt mit solchen Forderungen noch bescheiden zu sein.Diese Freudenlosigkeit und Gleichgültigkeit, von der das Publi-kum aufgezehrt wird, verhindert am meisten das fröhliche Auf-blühen und Gedeihen manches emsig und treu gesäeten Samens.Weniger schädlich, aber noch schlechter sind diejenigen, die,ohne das Geringste gethan zu haben, wovon man reden könnte,