286 KUNSTPOESIE.
mit Folgendem begleitet wird: „vier Worte, die so gewichtigund bedeutend sind, dass ich fast wünschen möchte, man lesesie mehr als viermal hintereinander, um sich mit ihrem ganzenInhalt desto inniger vertraut zu machen"; und wir bemerken,dass uns diese Forderung einen komischen Eindruck gemachtund wir beim vierten Lesen weniger gefunden als bei dem ersten(so dass fürs fünfte Mal nichts Sonderliches zu hoffen war), wowir die einfache Wahrheit ganz passlich fanden, so klingt eswohl boshaft und ist doch nur geradezu wahr. Die angeführtenStellen des Verfassers erinnern uns an den so häufig vorkom-menden bedingten und modificirten Ausdruck: „Fast möchtenwir sagen", welches, weil dann doch der Verfasser am sicherstenzu sein glaubt, etwas Vornehmes und unnöthig Kostbares mit sichführt; wir wollen nur ein Muster mittheilen: S. 279 „so darfman vielleicht hoffen, dass selbst die jetzige ein wenig dürf-tige Zeit ein Unternehmen der Art vielleicht begünstigenwerde". Da wir hier von Kleinigkeiten reden, können wir auchden Verfasser auf allzu häufig vorkommende Lieblingsausdrücke,wie z. B. „zu nichts verrieben", was sich bei Anakreons Küssen(S. 54) besonders scherzhaft ausnimmt, aufmerksam machen.
Von äusserer Einmischung der Philosophie hat sich der Ver-fasser ziemlich frei gehalten, nur bei Gelegenheit der Romantik(S. 292) kommen einige schulgerechte Definitionen vor. Wirwollen dabei nur bitten, das Romantische und Antike für keinenso scharfen Gegensatz auszugeben: was man unter jenem ge-meinhin versteht, hat freilich in einer gewissen Zeit vorgeherrscht,indessen ist vieles auf der Welt und in der Poesie, was aufeigene Hand lebt und zwischen beiden Steinen des Anstossesohne Gefahr durchpassirt ist. Solche bedeutend gegebene Aus-sprüche: „Griechische Tugend habe im Romantischen Farbe ge-wonnen" kann man etwa umdrehen und sagen: GriechischeFarbe habe im Romantischen innere Tugend und Bedeutunggewonnen, und es bleibt eben so viel Wahres darin. Die beson-ders unterstrichenen Worte aber: „Sophokles sei in Shakespeare,Shakespeare aber nicht im Sophokles", sind uns (ausgenommen,was sich von selbst versteht) ganz nichtssagend; wir wünschennun zu wissen, ob wir auch den Aeschylos und Euripides, weil