DIE SCHÖNE LITTERATUR DEUTSCHLANDS VON HÖRN. 285
lieh, ein Paar Judenscenen im Faust unschätzbar, und seine Be-handlungen der alten Mythe von der heiligen Genoveva brauchenkeine Vergleichung mit Tieks Gedicht zu scheuen, manchenwerden sie lieber sein. Da Tiek offenbar von diesen angeregtwurde, so ist auch Müllers Einfluss auf diese Zeit anzuerkennen.Endlich gedenken wir hier auch einer Inconsequenz, der sichHerr Hörn gegen Voss schuldig gemacht; das grosse rückhalts-lose Lob, das er früherhin über die Ubersetung des Homers aus-gesprochen, verträgt sich durchaus nicht mit dem späteren hartenTadel über die Übersetzung des Horaz und ein parteiloses Ur-theil wird einmal beide Arbeiten nicht so zur Rechten und Linkenstellen können.
Es bleibt noch die Darstellung des Verfassers zu betrachtenübrig. Im Ganzen ist Fleiss darauf verwendet, aber wie es denUntersuchungen an Detail, so fehlt es dieser an einer gewissenfrischen Sinnlichkeit, Folge einer nahen und lebendigen Betrach-tung. Dagegen ist die Neigung sichtbar vorherrschend, das Ur-theil in epigrammatischen Wendungen und Spitzen auszudrücken,was auch wieder mehr für die Gesellschaft berechnet ist, als fürdie einsame, ruhige Betrachtung, die daran ermüdet. Wie immer,wenn dergleichen gesucht worden, ist es auch dann und wannauffallend misslungen, z. B. S. HO „Lessing stand fast sein ganzesLeben hindurch einsam, so einsam, dass wir fast sagen möchten,die Einsamkeit selber könne nicht einsamer sein", was sich dochdurch die einsamste Einsamkeit leicht überbieten Hess. Ein eigenesGewicht legt der Verfasser darum auf Sentenzen, auch weiss ersie bei einem Dichter, der sonst eben nichts hätte, wohl zurühmen. Es ist eine eigene Sache damit, dass das Allereinfachsteauch das Allerbedeutenste ist, so kommt es nur darauf an, dieseszum Verständnis zu bringen, das kann denn nur durch die Poesiedes Ganzen und durch das allmähliche Hinführen dazu geschehen,so wie uns die meisten in der Jugend etwa erlernten Sprücheerst in ihrer Bedeutung einfallen, wenn wir im Fortgang desLebens darauf gedrängt werden. Daher wollen diese Blüthen,ohne Stengel, Blätter und Entfaltung gereicht, selten den ver-langten Eindruck hervorbringen, wenn (S. 200) bei der Erwäh-nung von Schillers Stil der Spruch: plus vis quam sanguinis