-282 KUNSTPOESIE.
überschwenglichen Halbgottesdienst und einer unfreien knech-tischen Verehrung Goethes, wir müssen glauben, die Furchtdavor habe ihn zu solchen Äusserungen gebracht, aber wün-schen, er hätte nicht so gesprochen. Der Enthusiasmus einesVolks, seine Liebe zu einem grossen Dichter ist das Herrlichste,was wir erblicken können, knechtische Gesinnung entsteht durchstrenge tyrannische Herrschaft, wer aber ist milder und aner-kennender gegen jegliches Talent, als Goethe. Alle Parteiunghat sich in ihm vereinigt und alle haben vor diesem Stern mitEhrfurcht sich geneigt. Nur bei denen haben wir blinde An-hänger und eine ertödtende Einseitigkeit bemerkt, die nichtsausser sich achten und jedes eigene Bestreben niederdrückenwollten. Der Enthusiasmus aber hat niemals Unrecht; dürfteer angegriffen werden, so hätte der nicht frech gehandelt, der,als vor noch nicht langer Zeit ein Mann dahin eiens, der seinemVolk etwas gewesen, und den es mit Dankbarkeit und Vereh-rung nannte, über ihn richten und alle Blossen aufdecken wollte.Wir sind bisher so ausführlich gewesen, um uns bei demÜbrigen kürzer fassen zu können, wie bei Herder werden auchdie Urtheile über Jacobi und Lavater abgewendet. Es ist merk-würdig, wie dieser Schrift so viele Rücksichten Einhalt thunund die natürlichsten Forderungen unnöthig oder unpassendmachen sollen, wie im Gegentheil die natürlichsten Hindernisseunbeachtet geblieben. Bei unbedeutenden Namen kommt diesVerfahren noch seltsamer heraus, und wir können z. B. durch-aus nicht absehen, wem die blosse Anführung Nicolais mitNennung der Titel aller seiner Werke gefallen möge oder be-lehrend sei; witzig ist es auch nicht. Über Johannes Müllersoll die Kritik beinahe ihr Buch geschlossen haben; wir wün-schen, dass gerade jetzt, nachdem seine späteren Briefe, die wirungleich höher als die an Bonstetten schätzen, so vieles Treff-liche an diesem Geist aufgedeckt haben, es möge jemand, demes verliehen ist, ihn würdig charakterisiren. Übrigens verstehenwir nicht, wie man bei irgend einem Gegenstand, am wenigstenbei Dichterwerken, sagen kann, die Betrachtung sei fertig undalles Weitere unnöthig. Die Urtheile über die geringeren Dichterbeweisen gleichfalls, dass wir nur individuelle Ansichten vor uns