DIE SCHÖNE LITTERATUB, DEUTSCHLANDS VON HÖRN. 281
lenken weiss, meint, Clavigo sei gezwängt, mühselig, peinlich,wovon wir nichts gefunden; kränklich freilich ist Maria, aberdiese kranke, blasse, zarte Natur hat viel Rührendes und Wahres,und was soll den Dichter bewegen, von einer solchen sich weg-zuwenden? In der Stella findet er nur eine „schwächliche Ruch-losigkeit" und weiss seinen Abscheu nicht genug auszudrücken:hätte er bloss die Bemerkung gemacht, dass die alte Geschichtedes Grafen von Gleichen nicht passend hier angewendet sei, sowürde er damit das Wahre und Nöthige und nicht öffentlichsolche Worte gesagt haben, deren Unziemlichkeit wir fühlen.Hernach nennt er auch noch den vierten Band von WilhelmMeister rauh und herb, und, während der Dichter, der niemalsetwas halb gewollt hat, wie er selbst gelehrt, im Ganzen, Vollen,Schönen resolut gelebt, heisst es hier, „in diesem Gedicht stellesich eine anständige Unpoesie und geistreiche Halbunsittlichkeittriumphirend in den Hintergrund". Jedoch dieser Tadel wirdnoch gering gegen das, was der frechste Redner, dem der Ver-fasser zur Entschuldigung eine Maske „mit strenger und säuer-licher" Physiognomie vorhält, sagen muss: „der letzte Band desWilhelm Meister sei ganz unsittlich, die Römischen Elegien ver-achte er und jeder reine Mensch müsse ein Gleiches thun, beiHerrmann und Dorothea denke man mit Sehnsucht an den Ho-mer, in den Wahlverwandtschaften aber sei eine kalte Grausam-keit, ein langes, weites, ödes Eisfeld, auf das ein sternenloserHimmel herabhänge; eine chemische Zerlegung der Sünde, manwünsche nur, es komme zum Sündigen, so bleibe es nur beimWollen, was schlimmer veröde". Es wird niemand verlangen,dass wir eine solche Stimme anhören oder widerlegen sollen;wer wohl, wenn ihm auch manches andere nicht recht in demletztgenannten Roman gewesen, hat eine kalte Grausamkeit indieser Dichtung gefunden, die in Ottiliens Leiden das Tiefsteund Zarteste einer himmlischen Seele enthält, in ihrem Tode diemildeste Beruhigung gewährt, oder wer hat nicht den reinenund grossen Sinn derselben, die ganz in ihrer Zeit und auchdarüber steht, erkannt, da sie mit erschütternder Gewalt lehrt,wie alles Glück in der Nichtachtung der Sitte und heiliger Ver-hältnisse nothwendig untergehe. Herr Hörn redet von einem