272 KUNSTPOESIE.
Wandel in ihrer grössten Reinheit und Bedeutung sich entfaltet.Wie sollte, was ewig in sich dasselbe und unveränderlich, soganz sich umgekehrt haben und nur in einzelnen, abgetrenntenBruchstücken noch erscheinen. Wo die Natur sich dem Blickedes Beschauers als ungeordnet und vereinzelt darstellt, was alsGleichnis angeführt wird, ist sie nicht am herrlichsten, sondernda, wo wir einen grossen Zusammenklang wahrnehmen. Aberauch darin fehlt die Vergleichung, dass die Natur allezeit un-wandelbaren Gesetzen gefolgt ist, jener Zusammenhang aber inder deutschen Poesie unleugbar vorhanden war. Sei uns einanderes Bild des Verhältnisses erlaubt: Als die Lahen (dieersten Bewohner der Welt nach der Tibetanischen Mythe) nochin ihrer Reinheit lebten, pflanzten sie sich durch blosses An-schauen fort, und es waren nicht Sonne, Mond und Sterne,weil sie in ihrem eigenen Lichte glänzten, als sie aber finsterwurden, stiegen diese erst aus dem Meere und gaben das Licht.Was sonst durch eingeborne, fast unbewusste Kraft verliehenwurde, das suchen wir jetzt durch Betrachtung wieder zu ge-winnen, wir wissen von einer Nacht, wir streben aber demLichte zu, das wir nach unserm Stande anders betrachten, unddass auch nicht ganz das in uns Wohnende vergangen, das be-weist die wunderbare Kraft des Auges. Wäre jene Behauptungrichtig, so müsste die erste Folge davon sein, dass solche ver-einzelte Poesie auch ohne Wirkung auf die Nation geblieben.Wie kann aber alles dies Goethe allein widerlegen. Er, der,ein jugendlicher Held, wie nicht aus ihm geboren, unter einbeschränktes Volk trat, erzählt in seinem Leben, dass Klopstockund die Dichter seiner Zeit auf ihn gewirkt, und gesteht dann,wie abhängig der Mensch von der Zeit lebe, dass ein Raumvon zehn Jahren ohne Zweifel eine ganz andere Entfaltung be-wirkt haben würde; wiederum aber, wie hat er, der sich soeigenthümlich gebildet, doch seine Nation ergriffen und ange-rührt, und wie allgemein ist er verstanden und geliebt worden.Überhaupt ist es nicht schwer, zu bemerken, wie etwas selbstganz Unerwartetes und Individuelles, wenn es nur eine nationaleIdee ergriffen und in sich begründet war, bald einen eigenen