DIE SCHÖNE L1TTERATUR DEUTSCHLANDS VON HÖRN. 271
und mitten in das 18. Jahrhundert zurückgeht. Beschränktesich jemand darauf, die frühere Periode zu untersuchen, diehier als ganz elend abgewiesene Polemik der Schweizer, danndie Übergangspunkte in Klopstock, Lessing, Heinse, was Sulzer,Gleim, Ramler gewirkt, anzugeben, so würde er, wäre sonstnichts einzuwenden, ein sehr schätzbares Werk geliefert haben,welches in der That noch fehlt. Das aber müsste man auchverlangen, dass er nicht bloss die Poesie ohne Rücksicht auf dieganze geistige Cultur darstelle, die frische Ansicht der Antiken,z. B. die wir Winkelmann danken, der hier nur nebenbei undmit wenigen Worten angeführt wird. Denn überhaupt ver-missen wir, was einem ergreifenden Buche nicht fehlen mag,das freie Umsichschauen, welches die rechte Sicherheit, mit derman die Sache gefasst, wohl erlaubte; der Verfasser hat sichdie Poesie so streng darin abgesteckt, dass selbst Lessmgs Fa-beln abgewiesen werden, und wenn nicht die Gleichnisse wären,würden wir kaum von dem Dasein anderer Zeiten und andererBildung etwas vermuthen können.
Noch ein drittes hat, wie wir glauben, nachtheilig auf dasGanze gewirkt. In der Vorrede heisst es nämlich: die deutscheLitteratur sei nur individuell und durchaus nicht national, imBuche selbst wird der monologischen Natur der Deutschen ge-dacht (S. 303), und dass jeder Dichter abgeschlossen für sichstehe. Soll das soviel heissen, dass man nie eine Autorität an-erkannt und eine allseitige unendliche Entfaltung nie durch einGesetz hat begrenzen lassen, wie andere Völker, was diesenSicherheit und schnelles Wirken, aber auch etwas Erstarrendesgab? Will man in diesem Sinn sagen, sie sei als Ganzes cha-rakterlos und fragmentarisch, so ist das ebenso richtig als an-erkannt. Schliesst man aber weiter daraus, dass jeder deutscheDichter für sich, einsam und ohne Zusammenhang mit demanderen da sei, so muss Recensent dies geradezu für falsch er-klären. Wer die Poesie von ihrem Beginn bei allen Völkernbetrachtet, der wird bemerkt haben, dass ihr Wesen gerade indem Zusammenhang mit allen Zeiten, in der Überlieferung durchJahrhunderte bestanden, und dass sie in diesem lebendigen