DER GOLDFADEN VON BRENTANO. 265
Dass sie sich wollt' erbarmen sein,
Als Buhlen ihn bei sich nehmen ein.
Pomona es aber nimmer wollt,
Den armen Vertumnus sehr ausschult;
Sie wollte ihm nimmer günstig sein,
Er sollte sie endlich lassen allein.
Zuletzt verkleidet er seinen Leib
Und kam gleich einem alten "Weib
Und sich an einem Stecken lehnt,
Gerunzelt die Stirn und ungezähnt,
Als war sie alt wohl hundert Jahr,
Die Augen roth und grau das Haar.
So klopft er an des Gartens Thür,
Pomona kam zu ihm herfür,
Da bat er sie mit Worten süss,
Dass sie ihn in den Garten Hess.
Pomona Hess ihn zu sich ein,
Empfieng da das alte Mütterlein.
Er gieng im Garten hin und her,
Beschaut ihn allenthalben so sehr,
Und als er alles hat beschaut,
Rühmet er sehr die schöne Jungfrau.
Das musste der Jungfrau wohl behagen!
Als nun das Weib thät zu ihr sagen:
„O Jungfrau, edel, schön und zart,
„Wie magst du der Früchte soviel Art
„Zusammenbringen in deine Gewalt
„Auch [Auf] so viel Bäumen von mancherlei Gestalt"!
Das alte Weib zuletzt auch hätt
Pomonen so freundlich dazu beredt,
Dass sie zu ihr auch nieder sass
Gutwillig in das grüne Gras
Und listig ihre Hand um sie schlug,
Dass nun heraus kam der ganze Trug:
Denn es verschwand das alte Weib,
Vertumnus zeiget ihr seinen Leib
Und gab sich zu erkennen sogar,
Warum er hergekommen war.
Also hielt er nun Pomona umfangen,
Mit dem alten Weib hat's angefangen.
Und alles in des Baumgartens Wand
Gar künstlich man eingemalet fand.
[anonym.]