262 KUNSTPOESIE.
eine heitere Liebenswürdigkeit, die Erzählung geht ruhig fortund ist doch stets anziehend. Namentlich gilt dies von derersten Hälfte des Buchs, und reizend gleich beginnt es mitdem Leben eines frommen Hirten, zu dem sich ein Löwefreundschaftlich gesellt, und mit der Erzählung von dem jugend-lichen Königreich, das noch heute besteht. Der König entflieht,weil er sich nicht mehr mit Ehre behaupten kann, und wirdKochbube bei einem reichen Graf. Und wen wird hier derarme treue Knabe nicht rühren, der durch seine fröhlichenGesänge sich den Dienst bei seiner Liebsten erwirbt und ihrgeringes Geschenk, einen Goldfaden, in eine Wunde unterseinem Herzen legt, die er dann solchergestalt, ihn wohl ver-wahrend, zugeheilt und endlich nach mancherlei Schicksalenauf einen grünen Zweig kommt? Ein Paar hundert Jahre hatdieser Roman verborgen gelegen und doch ist er unversehrtund glänzend geblieben, wie der Goldfaden selbst, den Anglianaaus der Wunde wiederum empfängt, während so vielen andernihre eigene Zeit, wie ein Gewürm, das mitgeboren, alles Laubund alle Blüthen abgefressen hat und der verdorrte Stammnur noch in den literarischen Registern steht. Wo die Frischheitdieser Poesie begegnet, da erweckt es einen Muth, wie Leufriedder Anblick seiner Angliana (S. 70); ihm war, als komme eraus einem finstern Gewölb urplötzlich in den klaren Scheinder Sonne. Und wie es nicht selten ist, dass wir von einemgeistreichen Gesicht mehrere Eindrücke, ganz verschieden unddoch dieselben, empfangen, so kann auch dieses Gedicht aufmannigfache Weise ansprechen und einen jeden Sinn befriedigen.Die Unschuldigen werden sich einfach an der Geschichte undihren Verschlingungen ergötzen, andere können sich schöneLehren daraus ziehen, und die, welche bei einem freudigenMenschen nachsehen, ob auch das Herz ihm schlage, mögensich die philosophische Idee und die Bedeutung des Ganzenheraus und hinein suchen, alle aber werden gern diesen goldenenFaden um den Rosengarten unserer Poesie aufziehen.
Orthographie und Kleinigkeiten im Stil sind zur Bequem-lichkeit im Lesen abgeändert; die Kupferstiche in Holzschnitt-manier dienen zu einer netten Verzierung.