DER GOLDFADEN, EINE SCHÖNE ALTE GE-SCHICHTE. WIEDER HERAUSGEGEBEN VONCLEMENS BRENTANO. MIT VIGNETTEN.
Heidelberg bey Mohr und Zimmer. 1809. 371 S. 8. (3 fl.)
Heidelbergische Jahrbücher der Literatur. Fünfte Abtheilung. Philologie,
Historie, schöne Literatur und Kunst. 8. Jahrgang III (1810) Band II,
Heft 14, S. 285-290.
XJev Herausgeber erwirbt durch die Erneuerung diesesalten Romans einen Dank, welchen sich früher schon Lessingdamit verdienen wollte. Die Seltenheit des Buchs (wovon indem Kochischen Compendium der altdeutschen Literatur, dazuan einer unrechten Stelle (II, 247), der spätere Nürnberger Druckaus dem siebenzehnten Jahrhundert angeführt wird) hat es wahr-scheinlich der Bekanntmachung entzogen, bis sich auf der Göt-tinger Bibliothek ein Exemplar der Originalausgabe Strassburg1557. 4. vorfand, wovon dieser Abdruck genommen worden.Der Verfasser desselben ist Georg Wickram von Colmar, welcherin der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts lebte, und dessenübrige Werke sich vortheilhaft unter gleichzeitigen auszeichnen.Sein Stil gehört in die beste Zeit, er fängt an, sich in Periodenzu bilden, ohne dass er darum von der früheren naiven Artverloren hätte, und hat eine schöne poetische Ausführlichkeit,ohne breit zu sein; in den Selbstgesprächen und Klagen aberherrscht (wie S. 34 ff. und 219 ff.) eine eigene Anmuth. DieGeschichte begiebt sich in Spanien und Portugal, und mankönnte daher auf eine Übersetzung schliessen, allein es istuns keine Notiz von einem ähnlichen altspanischen Romanvorgekommen, und wenn auch die einfache Begebenheit auseinem solchen entlehnt wäre, so ist doch das Ganze durch unddurch deutsch in Darstellung, Sitten und Gebräuchen, jaauch das frühere altdeutsche Gedicht, der Renner von Hugovon Trimberg, wird darin erwähnt, dass wir es für eine eigeneArbeit Wickrams halten dürfen. Der Charakter des Buchs ist