Druckschrift 
1 (1881)
Seite
239
Einzelbild herunterladen
 

EOUQUES SIGUKD DER SCHLANGENTÖDTER. 239

das wir sehen, und innerlich so gross, dass eine einzige jenerThaten die Eroberung von Königreichen aufwiegt. Wir sinderleuchtet worden wie der alte Eichenwald durch Aushauen,und der Strahl der Gottheit dringt nicht mehr von oben ineine kühle, begeisterte, demüthige Nacht. So ist das Verhält-nis verschieden. In alter Zeit gieng die Sage umher von Sieg-fried dem Schlangentödter, dem Erwerber des reichen Horts,mannigfach erklingend, aber immer neu und beweglich, denndie Poesie ist unermüdlich und ohne Überdruss in sich, wie dieLiebe, so dass eine lange Betrachtung nur stärkt. Männer er-zählten sie gern dem Fremdling, vor Fürsten, auf kaiserlichenHochzeiten wurden sie gesungen; Könige gewarnt vor Verrätherndurch die Erzählung von Chriemhildens entsetzlicher Grausam-keit. So tönte ein Lied unter allen Völkern deutscher Her-kunft von dem Morgen bis in den Norden und stand wie einverheissend Gestirn am Himmel, das jeder in Muth und Glaubenansah. Aber diese Zeiten versanken, wie der geheimnisreicheHort versenkt wurde in den Rhein an unbekannter Stätte, weilkein Heldenstamm mehr lebte, der ihn besitzen durfte; und dasAndenken verschwand an den Reichthum vergangener Jahr-hunderte. Jetzt gehen die Fluthen des alten Stroms, der Zeugedieser Thaten war, darüber, und was sein Rauschen sagt, wirdvon deutschen Ohren nicht mehr vernommen. Wir sind mitmannigfacher Erkenntnis gerüstet auch der altdeutschen Treff-lichkeit, aber nicht in die Kraft derselben; in welchem Wider-scheine wird das alte Lied stehen, wenn die neue Zeit ihrLicht darauf wirft? Wir schätzen an dem Verfasser, wenn erin jener Erkenntnis mit Scheu vor der gewaltigen Dichtungder alten Sage treu gefolgt ist. Er hat die dem Norden eigen-thümliche zu Grund gelegt (die Wolsunga Saga) und vergilt esdamit dem nordischen Bischof Biörn, der im 13. Jahrhundertdas deutsche Gedicht nach Scandinavien brachte (Niflunga Sagain der Wilkina Saga). Eben darum, weil der Verfasser einenpoetischen Sinn hat, ist er nicht leichtsinnig verfahren, sondernwir vermögen auch hier noch zu erkennen den kecken, frommen,kindlich treuen Muth in Sigurd, das Zerstörende einer tiefen,gewaltsamen, halb überirdischen Natur an Brynhildis, Gudrunens