216 NATURPOESIE.
Indessen ward das Studium der einheimischen alten Dich-tungen in Deutschland neu, man kann sagen, überhaupt erstbelebt. Es zeigte sich bald und sonderte sich unter den mannig-fachen Richtungen, welche die Poesie des Mittelalters genommen,ein eigenthümliches Nationalepos, durchaus auf deutschemGrunde gekeimt und aufgewachsen, in mannigfache Zweigereich und blühend ausgebreitet. Das Interesse musste sich vorallem zu dieser Erscheinung hinwenden, diese Gedichte aberdeuteten auf frühere Jahrhunderte, auf die gewaltige und dunkleZeit der Wanderungen, wo die Völker sich aus der Gemeinschaftschieden und eine neue Welt bildeten. Dort also waren Spurenund Zeugnisse des Daseins aufzusuchen, und bei der Verbindung,in welcher wir Germanien in diesen Zeiten mit dem Nordenerblicken, musste die Aufmerksamkeit besonders dahin gelenktwerden. Es fand sich, dass auch in diesen Gegenden Chriem-hildens grausame Hochzeit, der Verrath an dem edlen undtreuen Sigurd und sein mordlicher Tod besungen worden. Aufwelche Weise das Volk sich diese Sage in Gesängen aufbewahrthat, zeigt die Übersetzung dieser altdänischen Heldenlieder,die in ihrer einfachen Grösse jedem unbefangenen Sinn schön •und ergreifend erschienen sind; in einer eigenen Abhandlungdabei ist es dargethan, wie die Mythe in dieser Gestalt sichder Deutschen nähert und offenbar zu ihr neigt.
Denn ausserdem entdeckte sich im Norden noch eine eigen-thümliche, von der deutschen abweichende und aus ihr nichtentsprungene Bildung der alten Stammsage, welche wie dieSprache beider Nationen eine frühere Einheit bewährt, diespäter in zwei Dialekte ausgewachsen ist. Den Zusammenhangdieser nordischen Recension stellte die Wolsunga-Saga vorzüg-lich dar, doch war sie grösstentheils in Prosa und offenbarspäter abgefasst: es schien keinem Zweifel unterworfen, dasssie aus altern Gedichten entstanden, welche aufgefunden werdenmussten, wenn wir der Quelle näher kommen wollten.
Jene zurückgebliebenen Lieder, der zweite Theil der Sae-mundischen Edda, waren nur aus der Angabe ihrer Über-schriften und aus grössern und kleinem Bruchstücken bekannt,daraus indessen, und weil eine Rhapsodie, welche die Norna-