202 NATURPOESIE.
Einzelnen bis ins Unendliche. Wir können kein besseres Eben-bild geben als Gottes, den Menschen, dem überall dasselbe Herzin der Brust schlägt, dessen Gestalt, Farbe, Sprache und Lebens-lust aber der Natur unterthan ist und gehorcht, wie sie ver-schieden in den Weltgegenden herrscht; so wie auch bei derFamilienähnlichkeit der Nationen in jedem Einzelnen eine eigneIndividualität hervortritt. Das ist der eine Satz, der anderescheint ihm fast entgegen zu stehen. Bei dieser freien unab-hängigen und geistigen Verwandtschaft der Poesie der Völkerexistirt noch eine andere, die man die weltliche oder bürgerlichenennen könnte. Es ist nämlich nicht zu läugnen, dass die Dich-tungen schon in bestimmter Gestalt einem Volk von dem andernhinüber gereicht worden und auf diese Art oft auf weitem Weghergekommen sind; sie haben sich zwar meist dem Gesetz desneuen Reichs gefügt, aber immer noch deutlich die Spuren ihrerHerkunft an sich getragen. Soll das vorhin gegebene Bild fort-gesetzt werden, so sind es im Ganzen die Völkerwanderungen,im Einzelnen aber Ehen, von den Individuen verschiedener Na-tionen geschlossen. Die Ausführung beider Behauptungen istdie Aufgabe der Geschichte der Poesie, wenn sie etwas Ganzesund Würdiges sein soll: die hier gelieferten Zusammenstellungensind eine einzelne kleine Vorarbeit dazu. Gegen den, welchemder Grund, warum manches in Verbindung gebracht worden, beileichter Ansicht zu gering oder gar nichtig vorkommt, will ichnur bemerken, dass wir durch eine grössere Übersicht erst denrechten Takt gewinnen und auf manches Gewicht legen müssen,was sonst unbedeutend erscheint.
NACHSCHRIFT.
Eine in der Vorrede geäusserte Hoffnung hat sich indessenerfüllt. Die noch ungedruckten Lieder der Edda Saemundarausser der schon erwähnten Blomsturwalla-Saga befinden sichjetzt abschriftlich in meinen Händen. Beides verdanke ich derfreundschaftlichen Güte des Herrn Grafen von Hammerstein undseinem lebendigen Interesse für die Wissenschaft. Dass es mir