196 NATURPOESIE.
der seine Schwester holen lässt und durch den Tanz erforschenwill, ob das wahr, wessen man sie beschuldigt, und als er esbefindet, sie grausam tödtet 1 ), kommen überein mit einem Theilder Erzählung im 83sten Lied. Wenn man aus der deutschenSammlung diejenigen Lieder herausscheidet, von welchen manvermuthen darf, dass sie mit den dänischen von gleichem Alter,mithin vor dem 17. Jahrhundert schon da gewesen sind 2 ), unddie, wenn man vergleichen will, allein dürfen dagegen gehaltenwerden, so zeigt sich eine unläugbare Verwandtschaft in demGeist der Dichtung. Eine andere Übereinstimmung werden wirbei dem Silbenmass bemerken.
Es findet sich nämlich in den dänischen Liedern nur einzweifacher Hauptrhythmus. Erstlich die Strophe, die aus zweilangen Zeilen besteht, die reimen, und wovon jede sieben biszehn Hauptaccente hat, in der Mitte aber einen Abschnitt. DerRhythmus ist ganz los zusammengehalten und bewegt sich inder grössten Freiheit 3 ), zumal in den altern Liedern, und mansieht wohl, wie der Gesang darüber hingeschwebt und alles ver-bunden hat. Späterhin wird sich dies Silbenmass immer festergesetzt haben, wie es am ausgebildetesten erscheint in der Elfen-höh 4 ) (N. 33.); dann auch mag der Reim in der Mitte und soVerschlingung desselben entstanden sein, wie in No. 45. und 88.Ein analoger Fall ist in dem Verhältnis des späteren Silben-masses des Heldenbuchs zu dem ursprünglichen. Eine be-sondere Abweichung enthält das 23ste Lied: hier findet sich zwardie erste Hälfte regelmässig, allein die andere besteht nur aus
1 ) Wunderhorn I, 259. II, 272.
2 ) Wir meinen damit die Art, zu 'welcher folgende gehören: Es spielt einKitter mit seiner Magd I, 30. Stand ich auf hohen Bergen I, 70. 257. Esliegt ein Sehloss in Österreich I, 220. Es reit't der Herr von FalkensteinI, 255. Es steht ein Baum in Osterreich III, 48. Meine Mutter zeihet michI, 109. Es wollt ein Mädchen früh aufstehn I, 395. u. a. m. Diese haben dieeigentliche Natur und Grundgestalt des deutschen Volksliedes.
3 ) Er ist meist daktylisch und trochäisch mit häufig eingemischten Spon-deen und Jamben, auch Anapästen. Der Eeim ist beides, männlich und weib-lich, ebenso der Abschnitt, so dass alle möglichen Formen sich finden.
4 ) Der Rhythmus ist hier noch regelmässiger daktylisch mit acht oderneun Accenten und der Reim grösstentheils weiblich.