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1 (1881)
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190 NATURPOESIE.

als die Haare Signildens zerreissen, womit sie ihn gebundenhaben? Auf der andern Seite, was kann ergötzlicher sein, alsdas Spiel zwischen der Königstochter und dem Stallbub, derihr Ehre und Treue abgewinnt? Der Humor des Herrn Ion,der überall voraus ist, oder die Üppigkeit des Leichtsinns, dersich erst gefangen geben will, wann die Nordsee vertrocknetist? In den Märchen ist eine Zauberwelt aufgethan, die auchbei uns steht, in heimlichen Wäldern, unterirdischen Höhlen,im tiefen Meere, und den Kindern noch gezeigt wird. Häufigkommt es vor, dass eine Mutter, unwissend oder aus Noth, ihrKind verkauft hat an ein Ungeheuer, wie hier die Königin aneinen wilden Nachtraben, das es wegträgt, oder dessen Zauberdadurch gelöst wird. Oder auch, dass der Bruder die verloreneSchwester aufsucht und in Meeresgrund findet, wo sie ein wilderZauberer in seinem Wasserschloss hält, der das Menschenfleischwittert, und vor dessen Wuth ihn die Schwester schützt, bissie endlich erlöst werden. Hier muss man zuletzt mit demarmen Rosmer, der seine Frau selbst auf dem Rücken unwissendaus dem Meer trägt und, wie er sie unten nicht mehr findet,vor Leid ein Stein wird, Mitleid haben 1 ). Diese Märchen ver-dienen eine bessere Aufmerksamkeit, als man ihnen bisher ge-schenkt, nicht nur ihrer Dichtung wegen, die eine eigene Lieb-lichkeit hat und die einem jeden, der sie in der Kindheit an-gehört, eine goldene Lehre und eine heitere Erinnerung darandurchs ganze Leben mit auf den Weg giebt; sondern auch,weil sie zu unsrer Nationalpoesie gehören, indem sich nach-weisen lässt, dass sie schon mehrere Jahrhunderte durch unterdem Volk gelebt.

Seltsam ist das Lied von dem Held Vonved [No. 57]. Unterdem Empfang des Zaubersegens und mit räthselhaften Worten,dass er nie wiederkehre oder dann den Tod seines Vaters rächenmüsse, reitet er aus. Lange sieht er keine Stadt und keinenMenschen, dann, wer sich ihm entgegen stellt, den wirft er nieder,den Hirten legt er seine Räthsel vor über das Edelste und Ab-

') Auch Musäus hat dieses Märchen bearbeitet, aber in seiner Manier,nicht einfach und gerad, wie wir es noch lieber hören; Kinder nicht anders.