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1 (1881)
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186 NATURPOESIE.

lieh, zumal bei den altern, finden wir sechs- oder achtzeiligeStrophen mit zwei oder drei Accenten in jeder Zeile; der Reim,wie wir ihn kennen, ist ihnen fremd, und sie haben dafür einenkünstlichen Buchstabenreim oder die Alliteration (gewöhnlich istsie dreifach, so dass zwei reimende Consonanten in der erstenZeile stehen und der dritte bindend in der zweiten). In diesenLiedern aber herrscht durchaus der Reim, oft, wie überall, woer von selbst entstanden, mangelhaft und blosse Assonanz; dieStrophen sind eigentlich zweizeilig mit einem Abschnitt in derMitte und von der Alliteration zeigt sich keine Spur.

Eine interessante Zusammenstellung wird möglich sein, wenndie noch ungedruckten Lieder der saemundinischen Edda, welcheden Cyklus des Nibelungenlieds berühren, erst vollständig be-kannt sind. Denn zu diesem gehören auch unsere Heldenlieder,es wird Chriemhildens Rache darin besungen, die Blüthe undder Untergang der heldenmüthigsten Zeit; Dieterich von Bern,auf dem der höchste Glanz des Ritterthums lag, sammt seinenGesellen. Was wir bis jetzt von den eddaischen Liedern ken-nen 1 ), stimmt dem Inhalt nach mit der Wolsunga Saga, demursprünglich nordischen Gedicht, überein, im Gegensatz zu unsernLiedern, welche zu der deutschen Sage mehr sich neigen. Ebenso hat die Darstellung einen ganz andern und jenen Charakterder früheren Skaldengesänge: wir vermögen dies deutlich in demLied, das Brynhildur, die ein höheres Wesen, eine Walkyria ist,auf dem Scheiterhaufen singt 2 ), zu unterscheiden.

Indem wir den Inhalt dieser Lieder genannt, haben wirauch das Interesse berührt, welches sie für die Geschichte deraltdeutschen Poesie haben. Der Zusammenhang derselben mitder nordischen ist zwar aus allgemeinern Gründen vermuthetworden, da sich.die Verwandtschaft beider Völker auch in derNationaldichtung müsste geäussert haben. Wenn wir aber die-

J ) Durch die Güte des Herrn Generals, Grafen von Hammerstein, dersieh selbst für die nordische Literatur interessirt, hoffe ich nächstens in demBesitz einer vollständigen Abschrift dieser herrlichen Rhapsodien zu sein undsie den Freunden dieser Poesie mittheilen zu können. [Vgl. unten S. 202.]

2 ) Gedruckt in der Nornagestur Saga: eine Übersetzung davon in denStudien [oben S. 155156].