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1 (1881)
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184 NATURPOESIE.

sich entgegen standen. Darüber darf kein Zweifel gehegt werden,dass die Skalden, ein besonderes Amt bekleidend, eine besondereKlasse bildeten, dass sie Gesetze hatten für ihre Poesie undeine Kunst übten *): diese Lieder aber sind nach mündlichenÜberlieferungen ohne eine besondere Kunst Vom Volk erhaltenund von jedem poetischen Gemüth neu gesungen und gedichtetworden. Beide haben zwar in den Sagen einen gemein-schaftlichen Gegenstand, durch den Sinn aber, womit sie ihnbehandelt, trennen sie sich wieder von einander. Dieser Sinnindes giebt der Dichtung den Charakter und theilt gleichsamdie Luft, worin sie athmet, eigne Natur, Gestalt und Lebenmit; man halte einmal, um aus neuer Zeit ein Beispiel zu geben,eine moderne Bearbeitung des Nibelungenlieds in Stanzen, wiean mehreren Orten Proben gegeben sind, gegen das Original:es ist nichts ausgelassen, kein Zug der Geschichte fehlt, aberwenn ich jenes mit einem grossen Strom vergleiche, der heran-naht, brausend in lebendigen Pulsschlägen, und sich langsamfortwälzt, die ganze Welt zu durchziehen; so gleicht die neueManier einer Wasserkunst, die den lebendigen Strom durchdünne Röhren presst und ihn Kunststücke springen lässt: siehat die Gewalt der Dichtung gebrochen. Die Volkspoesie lebtgleichsam in dem Stand der Unschuld, sie ist nackt, ohneSchmuck, das Abbild Gottes an sich tragend; die Kunst hatdas Bewusstsein empfangen, sie kann den Muth nicht mehrhaben, ihren Gegenstand hinzustellen, wie er ist, sondern ermuss umkleidet werden. Es ist darüber kein Streit, man inusses empfinden, aber diese Kleidung ist es, die wir in den Ge-sängen der Edda finden, dieses Gemessene, Runde. Dadurchwird nicht gesagt, dass sie nicht auch sehr einfach sein können,noch wird über den Rang zwischen beiden abgeurtheilt ;| wenn

') Der Skalde Sigvatur war so geschickt in der Skaldenkunst (Skalld-skapur), dass seine Zunge so leicht darin sang, als sie sonst redete. Heims-kringla VII, c. 170. Es fehlte auch nicht an Kunststücken. Der Skalde Hall-fredur machte eine achtzeilige Strophe zum Dank für ein Schwert, die ganzmit einem Buchstaben alliterirt ist, und wo in jeder Zeile das Wort Schwertvorkommt. Heimskringla VI, c. 89. Über andere Künstlichkeiten der Skal-den sehe man Ihres Briefe in Schlözers Isländischer Literatur und Uno vonTroils Reise.