ALTDÄNISCHE HELDENLIEDER. 177
diese Eisberge ihren Glanz und über die bereiften Thäler ihreEdelsteine ausgestreut. Zwischen einem wildkriegerischen, thaten-reichen Leben, das in den frühen Zeiten meist in Seeräubereienzum Erwerb des Unterhalts oder in Heerfahrten bestand, welchedie Nachbarn zur Tributpflichtigkeit unterwarfen, und zwischeneiner müssigen Ruhe und Unthätigkeit war das Dasein der Nord-länder getheilt. Ein rauhes Klima verweigerte dann die Lusteines üppigen leichten Lebens, und die Zeit nicht wie Südlichenach Sommern und Tagen, sondern nach Wintern und Nächtenzählend, waren sie einer stillen Betrachtung, dem Nachdenkenüber die Thaten der Vorzeit und Gegenwart hingegeben. Soscheint es aber auch, als ob sie alle geistige Lust und Kraftder Poesie zugewandt, und während es an jenen fast nur musi-kalischen und mit Farben spielenden Liedern südlicher Völkerfehlt, so erscheint ein Reichthum an epischen Dichtungen, wel-cher bei dem verhältnismässig kleinen Volk verwunderungs-würdig ist: Dichtungen, welche zu den tiefsinnigsten und ge-waltigsten gehören, welche je durch die Seele eines Menschengegangen. Sie haben alle etwas Uranfängliches, Rohes: die Formist oft ganz vernachlässigt, hart und streng (denn sie pflegterst später an schon Überliefertem zugefügt oder ausgebildet zuwerden); dagegen aber haben sie noch all die Kraft und dieGewalt eines jugendlichen unbeschränkten und ungezähmtenLebens, das alles Äusserliche verschmäht. Aus dem Mutter-lande her bewahrten die Scandinavier die Geheimnisse göttlicherOffenbarungen über die Natur der Dinge; ihre ersten Heldenwaren schon Götter geworden, dort in Asien noch wohnend,und traten auch wieder in den Fabeln einer schön ausgebildetenMythologie in den Kreis der Menschen herab. Gleicherweisewurden ihnen spätere Helden zugestellt, die sich von ihnen her-leiteten und in dem Bewusstsein göttlicher Abkunft lebten, wiedas edle Geschlecht der Wolsungen, in deren Augen noch einhimmlisches Feuer brannte, das Mörder, selbst die wilden Thiereerschreckte. So besass der Norden alles, was der Poesie Be-deutung und eingreifendes Leben giebt, und wodurch sie ebenso wohl auf den eigenen Boden festgestellt, als an die Sterneangeknüpft wurde.
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. I. 12