ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 163
Viel gut kann ich Träum' errathen, dazu hab' ich Verstand:kommt ihr in das Huenische Land, das schadet so manchem Mann.
Die Herren mochten ausreiten, wie der Strom rinnt brausend dahin:eine Meerfrau haben sie funden, die schlief unterm Hügel grün.
Wach auf, wach auf, Meerfrau, du wunderschönes Weib:
ich zieh' in das Huenische Land, mag ich erhalten meinen Leib?
„Wend dich, wend dich, Held Hagen, du bist ein kühner Mann,du hast so manche Burg mit Macht in deinem eignen Land."
„Zieh heim du in dein eigen Land, dies Kämpferschwert lass fahren,du kannst bei deiner Schwester nicht dein junges Leben bewahren."
Das war der Held Hagen, der sein Schwert auszog,
das war die unselige Meerfrau, der er das Haupt abschlug.
Nun bin ich weis, nun bist du blau,
und ich zieh' in das Huenische Land, wenn guten Wind ich schau.
Da reiten herzu die Helden beid, sie finden des Fährmanns Haus:steh' auf du, guter Fährmann, und geh' zu uns heraus.
Hör zu, was ich dir sage, du fahr mich über den Sund;
ich geh' dir meinen guten Goldring, der wieget wohl fünfzehn Pfund.
„Behalt du selber, was du hast, mag nicht den Goldring dein,ich komme nimmer in die Stadt, ich trage darum Pein."
„Ich komme nimmer in die Stadt, ich leide darum Noth,
ich führ dich nicht über heut' am Tag, Frau Grimild mir's verbot."
Held Hagen ward erzürnet, so sehr sein Herz und Muth,
er hieb dem Fährmann das Haupt herab, da roch so weit sein Blut.
So warf er das blutige Haupt wohl mitten in den Sund;
dann warf er den Leib darnach, betet: dass sie sich finden im Grund.
Herr Gynther und Herr Gerlof, die steuerten das Schifflein vom Land;da sie kamen mitten in den Sund, da erhob sich das Wetter zur Hand.
Entzwei gieng da das Ruder in Folquard Spielemanns Hand;Held Hagen steuert mit seinem Schild das Schiff mit Noth ans Land.
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