ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 161
Darauf antwortet der Pörtner unter dem Kleide so listig und fein:„vor meiner Fraue darf ich nicht einen Fremden lassen herein."
Er gieng zur Frau Chriemhild, er fragte sie sofort:
„da halten zwei Ritter, die bitten mich, zu öffnen alsbald die Port?"
Da antwortet ihm Frau Chriemhild, das ist der Spielmann Folquar,das ist der Held Hagen, beid' meine Brüder fürwahr.
Da giengen Frauen und Jungfrauen hinab, zu schauen der Ritter Gang,die waren schmal in der Mitte, nach rechtem Masse lang.
Das war die stolze Frau Chriemhild, schlug über von Scharlach
ihr Kleid,so gieng sie in den Hof hinab und bat die Helden herein:
Hier ist Sitt und Burgstubenrecht, dass keiner Schwert darf tragen,mich dünket, das so übel geschah seit König Siegfried ward erschlagen.
„Ich schlug den König Siegfried mit meiner eignen Hand.Ich schlug auch König Ottelin, er war so stark ein Mann."
„Meinen guten Panzer verlor ich da und auch mein graues Pferd,als wir im kalten "Winter vor Troja lagerten."
Sie folgte ihnen in den Saal, zu hundert ihren Kämpfern,um die zwei Ritter standen sie all mit gezogenem Schwert in den
Händen.
„Ist hier kein Kämpfer drunter, der gegessen hat mein Brod,
der getraut meinen Bruder zu schlagen, ich geb' ihm Gold so roth."
Da das hört Folquard Spielemann, wie schnell übern Tisch er sprang;das Schwert fuhr ihm aus der Scheide, die Thür aus den Angeln sank.
Da nahm er die starke Stahlstange, wie fröhlich ward er da!
er schlug wohl fünfzehn Kämpfer mit Mannthums Kraft und Schlag.
Eya! nun geht mein Fiedel recht, sagt Folquard Spielemann:da schlug der Held Hagen wohl zwanzig in einem Gang.
Das war die stolze Frau Chriemhild, die ward erzürnt so sehr:„viel besser musst du bleiben daheim, als dass du reitest hierher."
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. I. 11