160 NATURPOESIE.
DAS ZWEITE LIED VON DER FRAU CHRIEMHILDUND IHREN BRÜDERN.
Das war die stolze Frau Chriemhild, die liess beides brauen und
mischen;da war so mancher freie Held, sie gebot nach ihm zu schicken:
Sie bat sie kommen zum Kampfe, sie bat sie^kommen zum Krieg:da sollte so mancher freie Held verlieren seinen jungen Leib.
Das war Held Hagens Mutter, die träumte so wunderlich:wie ein gut Ross gestürzet, das wollt man ausreifen für ihn:
„Der Traum der hat zu bedeuten, lieber Sohn, behalt's in dem Sinn;hüt dich vor deiner Schwester, die ist so rasch und schlimm."
Das war der Held Hagen, der ritt aus zu dem Strand,fand da ein Meerweib, das lag auf dem weissen Sand:
Sag mir du, gutes Meerweib, du bist eine Wahrsagerin weis:
soll ich streiten in Huenilds Land und besiegen die Kämpfer mit Preis?
„Höre du, Held Hagen, du bist ein Ritter stark,
genug Lande hast du selber, darzu gross Ehr und Gewalt."
„Du hast beides, Silber und Gold, dazu auch Burgen und Festen:kommst du in Huenilds Land, da geht dir's nicht zum besten."
„Gewalt hast du und grosses Gut, darzu viel Gold so roth,kommst du nach Huen im Jahr, so wirst du geschlagen zu todt."
Das war der Held Hagen, der zürnt bei den Worten so viel;er schlug das arme Meerweib, dass zur schwarzen Erd' es fiel.
Da liege du hier und ruhe, Wahrsagerin hässlich und trag,
viel gut weiss ich mich zu wehren, zu finden über Kämpfer den Sieg.
Da ritten zwei gar herrliche Mann, da aussen vor der Port,die waren gekleidet in Seide, ihre Ross eilten springend fort.
Sie schlugen an die Porte, das schallt in das Schloss hinauf:wo bist du Pörtener, warum lässt du nicht auf?