ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 133
SAGEN.
Man kann zu einer bequemeren Übersicht die nordischenSagen eintheilen in historische und poetische 1 ).
Von den ersten kann hier nur remissiv die Rede sein. DasHauptwerk ist die Heimskringla. Snorro sammelte die alten
so buweten sie hübsche hohle Berg und gaben ihnen Adel, dass sie Künigwaren und Herren als wohl als die Held, und gab ihnen gross Reichthum.Und da nun Gott die Riesen liess werden, das was darumb, dass sie solltendie wilden Thier und die grossen Wiirm erschlagen, dass die Zwerg destsicherer wärent, und das Land gebuwen möcht werden. Darnach über lützelJahr, do wurden die Riesen den Zwergen gar viel zu Leid thun und wurdendie Riesen gar böss und ungetreu. Darnach beschul'Gott die starken Held,das was dazumal ein Mittelvolk unter der dryerhand Volk. Und ist zu wissen,dass die Helden gar viel Jahre gar getren und biderbe warent. Und darumbsolltent sie den Zwergen zu Hilf kommen wider die ungetruwen Riesen, undwider die wilden Thier und Wurme, darum machet Gott starke Held, und gabihn die Natur, dass ihr Muth und Sinn musstent stahn auf Mannheit nachEhren und auf Streit und Kriege. Es waren auch viel Künig unter den Zwergendie hätten Riesen zu Dienern, wann sie hätten rauhe Land und wüste Waldund Gebürge nahent bei ihren Wohnungen liegen. Die Held sahen auch anall wegen Frauen Zucht und Ehre, und waren geneigt zu der GerechtigkeitWittwen und Waisen zu beschirmen. Sie theten auch den Frauen kein Leid,es wäre dann Leibes Noth, und kamen den Frauen allwegen in Nöthen zuHilf, und begingen viel Mannheit durch Frauenwillen Schimpf und zu Ernst.'"
Dieselbe Ansieht liegt zum Grund in all den schönen Hünen- und Zwerg-sagen, die noch jetzt am Harz unter dem Volke sind, und die man ausOttmars (Nachtigalls) Sammlung [Volkssagen, Bremen, 1800] kennt.
Vergleicht man nun die nordische Mythologie damit, so ergiebt sich einesehr klare Ähnlichkeit. Nach der Edda lebte zuerst das böse Geschlechtder Riesen in Bergen und Höhlen, aber die Felsensöhne, (welche nach-her die Menschen bildeten und Götter wurden) tödten sie bis auf Einen. DieZwerge entstehen aus dem Riesenleichnam und erhalten von den Götternmenschlichen Verstand und Bildung. Sie wohnen zwischen Klippen und Berg-klüften, sind künstlich und listig; (S. Dämes. 4. 5. 6. u. 13.) aber auch denRiesen wird Einsicht in die Natur zugeschrieben. Saxo Grammaticus (hist.Dan. lib. 1. p. 9. ed. Stephanins) drückt das Verhältnis also aus: — — nösse
') Es muss hier bemerkt werden, dass durch diese Unterscheidung keineGegensätze constituirt, so wenig wie Mythologie, Sage und Volkslied sich ent-gegengestellt werden sollen. Ich habe oben schon die ursprüngliche Einheitder Geschichte und Poesie anerkannt, aber eben so bleibt es wahr, dass jeneim Fortgang der Cultur sich trennend von der Sage nach dem kritischenPrincip hinstrebt, während diese nur die höhere Wahrheit enthält, sich unbe-schränkt entfaltend.