ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 125
manien gemeinschaftlich erworbene; jedem Volk gebührt der-selbe Anspruch darauf, und wenn daher eine Sage bei beidenangetroffen wird, so berechtigt dies nicht auf ein Erborgen voneiner Seite zu schliessen. Indessen mag zur Verwirrung derUmstand beigetragen haben, dass in späterer Zeit wirklichdeutsche Nationalgedichte in das Scandische übersetzt wurden,dann auch, dass manche nordische nicht wieder in jenen ge-funden werden, so dass man eine Trennung annahm und einenZufall für die Übereinstimmung aufsuchen musste. Deshalbwird es nöthig sein, das Detail zu untersuchen und das jedes-malige Verhältnis zu der deutschen Poesie zu bestimmen.
MYTHOLOGIE.
Die jüngere Edda des Snorro enthält die älteste Welt-anschauung und Götterlehre des Nordens in einem fast voll-ständigen, in sich consequenten System, schön und gross ge-dacht, ein Werk in seiner Anlage der Theogonie des Hesiodusvergleichbar.
Die ältere Edda, die dem Sämund zugeschrieben wird,greift in ihren wichtigsten Stücken (Woluspa, Vafthrudnis-Mal,Lied der Hyndla, Alvis-Mal, Wegtamsquida, Fiöl-Svinns-Mal;das Solar-Lioth gehört nicht in diese Sammlung) erläuternd injenes System ein, indem sie in mehr ursprünglicher Form theilswiederholt und erweitert, wie die Woluspa, theils einzelneMythen darstellt. An poetischem Werth geht sie der jüngerenEdda bei weitem vor. Dahin gehören auch besonders gedruckteLieder, wie Rigs-Mal usw.
Es lassen sich in dieser Mythologie die verschiedenen Mo-mente ihrer Entstehung leicht erkennen. Zuerst die Götterlehreselbst, die Erkenntnis des Unendlichen, die grosse Anschauungdes Universums symbolisirt. Allvater ist der Einzige und dasAll Durchdringende, er giebt allem die Seele, und unter seinemWalten löst sich das Ganze wieder vereinigend auf. Die Äsensind nur vergötterte Helden, die endlich untergehn. In derWoluspa, Wegtamsquida, ist die Lehre in dem geheimnisreichenTon der Orakelsprüche vorgetragen, wie es in der Natur der