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1 (1881)
Seite
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ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 123

Gedichten gezogen, nur Lügen enthalte? 1 ) Auch dieses darfman fragen: wurde ganz Deutschland zugleich mit dem Nordenaus Asien her bevölkert, warum erhielt sich dort allein das An-denken an diese grosse Begebenheit und die darauf hindeutendeKeligion, hier aber keine Spur, und war deshalb der Gang derGeschichte nicht folgender?

Keine grosse Völkerschaften, sondern einzelne Hordenmochten es gewesen sein, welche in den frühsten Zeiten langevor unserer Zeitrechnung herunter in die Wälder Germanienszogen. Hier kehrten sie, was nicht selten bei den Ausgewan-derten, selbst einer schon gebildeten Nation gefunden wird,zurück in den Zustand einer wilderen Rohheit. Von der Jagd,die allzeit rauhe Sitten erzeugt, oder in Unthätigkeit lebend,ohne gesellschaftliche Verbindung, wie konnte da die Religiondes Nordens, welche Tempel, Götterbilder, einen öffentlichenCultus verlangte, sich lang erhalten?

Nie wurden in Germanien die Götter des Nordens all-gemein verehrt, 2 ) aber auch nie lebten seine Bewohner in derthierischen Dumpfheit einer absoluten Unwissenheit und Be-wusstlosigkeit. In jeder Brust wohnt die Ahndung von Gott,und am wenigsten ist der rohe Naturmensch davon verlassen.Wie die Sprache in ihrer Entstehung wohlklingend und dieerste Erzählung poetisch und rhythmisch ist, so sind auch seineBegriffe und Anschauungen der Welt religiös, und er sieht inder ganzen Natur einen Abdruck und das Regen der Gottheit,die mehr oder weniger hervortritt. So war der Gottesdienstder Germanen, wie aller uranfanglicher Fetischismus; sie ver-ehrten Sonne, Mond, Bäume und alles Günstige, 3 ) dabei fehltees nicht an Schamanen und Zaubereien. Gerade eine solcheReligion konnte die empfänglichste sein, die christliche anzu-nehmen, die ihnen nun die Verehrung Gottes in dem Menschengebot, und wobei jener Naturdienst zum Theil fortdauerte, der

') Adelung älteste Geschichte der Deutschen S. 17.

2 ) Mit Gewandtheit, doch zu einseitig ausgeführt in einer Abhandlung vonDelius über die Religion der alten Deutschen. In den Nachträgen zu Sulzer VI, 2.

3 ) Hauptstelle bei Caesar de bello G. VI, 21. Tacitus Germ. 9. 10.