ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 121
ken, endlich wird die Begebenheit eingeleitet durch Tiradenüber die Minne. In der Erzählung selbst treten die Ge-stalten selten in bestimmten Umrissen heraus, jede Gelegen-heit zu einer Abschweifung wird mit Freuden ergriffen, und esscheint immer, als habe der Verfasser eine gewisse Ängstlich-keit, die Sache genau anzugreifen, und suche umher, was erdarneben finden könne, damit nichts verloren gehe, als dasRechte. Die Worte schwimmen gleichsam auf der Oberflächehin und her und stossen sich gegenseitig ab; keins steht fürsich und seinem Mann, und überall blickt das Hohle und Leeredurch. — So wäre im Allgemeinen diese Dichtung zu charakte-risiren, wogegen man nur keine Einzelheiten stelle. Einigesaus dem Cyklus von Carl dem Grossen ist wol strenger undbesser zusammen gehalten, aber doch in keiner Hinsicht mitdem Nib.-L. zu vergleichen. —
Dieser Unterschied zwischen Kunst- und Naturpoesie, sowie in entgegengesetzten Punkten entsprungen, dehnte sichmit dem Fortgange der Zeit in immer grösserer Spaltung aus,und nur in Liedern aus dem 14. und 15. Jahrhundert, nacheiner handschriftlichen merkwürdigen Sammlung zu urtheilen,zeigt sich einige Annäherung und Verbindung. Es wird vom14. bis fast zum 17. Jahrhundert hin recht klar, wie beide weitentfernt von einander herlaufen, die eine in voller Lebendigkeit,wie sie oben bestimmt wurde, die andere in der grössten Manierverhärtet in den ungelenken Formen der späten Meistersängerei,nicht an lebendigen, sondern an Todtentänzen sich erfreuend,an Allegorien ohne Bedeutung oder an kalter Moral, nicht wiesie aus einem liebevollen Gemüth spricht. So war nach undnach die Poesie von ihr gewichen, und nur selten spielen hierund da einige Farben, oder ein verlöschendes Licht flammtnoch auf, denn auch in der grössten Verirrung ist der mensch-liche Geist nicht ganz verlassen.