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1 (1881)
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120 NATURPOESIE.

ihm verschlungen liegt. Und welch ein Geist der Unschuld*und Keuschheit! Nur solche Reinheit durfte es wagen, Bryn-hildens Bezwingung durch Siegfried darzustellen. Der alteHildebrand mag nicht Chriemhildens Küsse: das Hurenwerklasst sein, ruft er unwillig aus. Wie ganz anders jene! Dieseltsamen Thaten eines Ritters, freilich voll Tapferkeit, aberübermenschlicher und nur als Wunder begreiflich; das Lebennicht in dem strengen heiligen Ernst deutscher Helden, sondernals Feerei, als ein reizendes Spiel anlockender Abenteuer.Dazwischen die Liebe heiss und üppig; den Frauen will derMantel der Treue nirgends passen, und die Männer mögen ausdem Hörn keinen Trank gewinnen. Phantastisch nur erscheintdie Treue als Bezauberung bei Tristan und Isalde. Das istder an sich anmuthige und poetische, aber tief unter jenerGrossheit stehende Grund der Dichtung, der nur hin und wie-der hell durchbricht.

Denn verschieden, dass es mehr nicht sein kann, ist dieDarstellung der romantischen Poesie und des Nibelungenlieds.Wie ein grosser Geist, ruhig aber mit tiefbewegter Brust er-zählt es, was geschehen, alles läuternd in reinem Äther derDichtung und mit milden Worten tröstend, denn was sich herr-lich gezeigt hat, ist nicht untergangen in den wilden Stürmender Welt. Mitten in die Fluthen haben die Götter den Regen-bogen, ihre Brücke, gestellt, auf welchem die Helden zu ihnenhinaufgestiegen sind.

Die Poesie spricht einfach und klar, jedem verständlich,und eindringend in das Gemüth, aber wo sie nicht ist, da wirddie Rede verwirrt und ängstlich, überall hinfühlend und suchendnach einer Stütze. Die romantischen Dichter griffen nach allenSeiten, wo sie sich anhalten konnten, all der geistige Erwerbwurde herbeigeholt und was ihre Person betreffen konnte. Zu-erst wird das Leben Jesu erzählt und die damalige Theologieentwickelt (am schönsten eingeflochten in die Geschichte imTyturell), dann kommen Nachrichten, durch welche Wege manzu der Aventure gelangt sei, darauf von dem Poet undseinen Genossen, wie von ihren und seinen übrigen Wer-