110 NATURPOESIE.
13. Jahrhundert auf eine grössere Ausbildung, als man gewöhn-lich glaubt. 1 )
Und überhaupt auf alles, was einer gelehrten Nachfor-schung und wissenschaftlicher Bearbeitung willig entbehrend,nur ein reiner Abdruck schöner Menschlichkeit war, daraufhatte dieses fremde Wesen keinen Einfluss. Daher auch nichtauf die deutsche Nationalpoesie. Wie Ludwig der Fromme,nach der oben angeführten Stelle, so bald er in diesen Geistkam, die Volkslieder verachtete, welches gewiss die allgemeineStimme solcher war, so standen auch auf der andern Seite dievielen lateinischen Gedichte, nach der Form zwar der römi-schen, aber fast sämmtlich, selbst ohne einen Anstrich vonPoesie, der Nation ganz fern und gehören sicherlich nicht zueiner deutschen Literatur, in dem Sinn, in welchem sie vorhinangegeben wurde.
In dem Anfang des zwölften Jahrhunderts wurde Deutsch-land mit dem Orient bekannt. Nichts ist mächtiger für dieEntwicklung eines Volks, als die Berührung mit einem fremden.Vielfach waren die Einwirkungen eines solchen Ereignisses aufLeben, Sitten und Cultur der Deutschen 2 ), der Handel erhielteine grosse Ausdehnung, und in der Natur, welche er jetztgewann, musste er in alle Zweige des deutschen Wesens ein-greifen. Fremder Luxus wurde eingeführt, Indien gab seideneGewände, Edelgesteine, Perlen, Spezereien, Asiens edle Früchtewurden einheimisch, und eine grosse Heerstrasse mit allenHerrlichkeiten des Orients beladen, zog sich, wie ein reichge-sticktes Band, von Byzanz her an der Donau durch Deutschland,dann bis in das nordwestliche Europa hin und theilte Reich-thümer aus. Die Bekanntschaft mit Griechenland, die Freiheit,Ausbildung und Bereicherung • des Geistes, die Reisen geben,die erleichterte Verbindung unter sich, das alles musste einetotale Umänderung zur Folge haben. So war es auch. Dieser
') Zu Colin sollen sich Schätze altdeutscher Bilder befinden, die durchihre Schönheit und Ausbildung eine ganz andere Meinung von deutscher Kunstund Entwicklung geben.
2 ) S. Heerens vortreffliche Preisschrift: Entwicklung der Folgen der Kreuz-züge. Gott. 1808.