ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 111
Handel war die Grundlage, auf welcher Städte, Stapelplätze,,in denen sich der Reichthum häufte, erbaut wurden, und jenerbürgerlichen Verfassung, die sich so kräftig gezeigt hat. Bisherwaren fast nur Edle und Leibeigene, jetzt gab es auch Bürgerals die Vereinigung eines thätigen mit einem stolzen und edlenLeben. Und so hatten die Kreuzzüge die ganze politische An-sicht umgewälzt, die Hierarchie und das Feudalsystem, durchsie auf die höchste Spitze getrieben, wurden durch sie auchvernichtet, und es erzeugte sich ein republikanisches Princip,unter welchem allein der Handel gedeiht.
Was kann reizender sein, als das Bild einer Stadt desMittelalters? Künste, die nur Reichthum ernährt, zogen her-bei, kunstreiche Kirchen und öffentliche Gebäude stiegen aufin den sichernden Mauern, grün bepflanzte Plätze erheitern diezutraulichen Wohnungen, und darinnen ein arbeitsames, regesSchaffen neben aller Lust im Spiel, Scherz, Tanz und Kriegs-übungen. Eines gegründeten Reichthums sich bewusst, giengendie schöngekleideten Bürger daher, stolz auf ihre Freiheit, tapfersie vertheidigend gegen jede Anmassung, grossmüthig in Ge-schenken, ehrbar und streng in ihrer Familie und fromm vorGott. Was ist grösser, als das Wirken eines Bürgermeisters,Rudolf Stüssi, und sein Heldentod 1 ), und wie poetisch erscheintan einem Johann Waldmann der überfliessende Strom einesvollen, freudigen Lebens, noch liebenswürdig in allen Fehlern,und die rührende Hoheit, mit der er das Gerüst besteigt 2 ).
Wie das Leben allzeit die Poesie begleitet, so musste diesesEingreifen einer neuen Zeit auch ihre Saiten anrühren. Esentstand eine Poesie, deren Charakter der Widerschein diesesLebens war: Lust, Anmuth, Scherz, mit all der Freiheit unddem Übermuth, den Reichthum und ein sorgenreiches Lebengiebt, durchhin tüchtig und gesund, auch wol derb. Wenn diePoesie dieser Jahrhunderte (vom 14ten bis ins 16te) nicht sogross und weltumfassend war, wie die der epischen Zeiten, so
') Müllers Schweizer-Geschichte III, 704-.
-) Leonhard Meister berühmte Züricher. I, 124. Müllers Schweizer-Geschichte V. 1, S. 365 ff.