Druckschrift 
1 (1881)
Seite
109
Einzelbild herunterladen
 

ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 109

thümlich deutsche, das heisst, aus deutschem Geist hervorge-gangene Literatur sich [eher?] entwickelte, als erst in spätenZeiten. Alle Bildung sollte damals durch eine schon vorhandenefremde gegeben werden, und was aus eigener Kraft in die Höhedringen musste, das sollte ein in fremdem Klima gewachsenes Grünsich auf die Spitze setzen und damit zusammenwachsen, umsogleich fertig zu sein. 1 ) Diejenigen, denen die geistige Aus-bildung oblag, die Priester, holten an den meist getrübtenQuellen der Vorzeit Weisheit und sehr verschiedenartig zu-sammengesetzte Kenntnisse, die dem Volk nichts nutzten, weiles sie nicht begreifen konnte, statt an der rechten Quelle zuschöpfen, deren Trank allein erfrischt und begeistert. Denmeisten gab die Unwissenheit anderer einen Schein, die übrigenwaren nur, nach der Beschaffenheit ihres Erwerbs, ein Anhangzu jener Cultur. Daher ist es auch gekommen, dass sich nicht,wie bei den Griechen, aus dem Vorrath alter Nationalsageneine deutsche Historie entwickelt hat, lateinisch und nach la-teinischen Vorbildern (am häufigsten copirte einer den andern,und man findet oft dieselben Worte bei vier bis fünf Geschicht-schreibern wieder) wurde sie behandelt, weder im Geiste kriti-scher Forschung noch mit treulichem Glauben an alte Sagen. 2 )Die guten Chronikschreiber fangen auch erst spät an, etwa mitdem 14. Jahrhundert, als Städte und jene tüchtige bürgerlicheBildung zu werden anfieng. Auffallend ist, wie, was' von frem-den Bestimmungen entfernt, dem Nationalgeiste treu bleibenkonnte, allmählich bis in die schönste Blüthe ausgewachsen ist:Baukunst und Malerei. Von letzterer beweisen gesammelteZeugnisse eine frühe Existenz und deuten schon im 12. und

') Um eine fremde Literatur einführen zu können, ist die Universalitätder jetzigen deutschen Bildung nöthig, die aber eben deshalb auch im Ganzencharakterlos ist. Wenn sich die Franzosen wehren, eine fremde Literatur an-zuerkennen, so hat dies an sich gute Gründe, nur nicht die, welche sie an-führen.

3 ) Schon Jordanes (de reb. get. cap. 5) sagt, bei der Sage, dass dieHunnen durch ein Pferd aus der Gefangenschaft in Brittanien oder einer an-dern Insel befreit "worden, vornehm: nos potius lectioni credimus, quamfabulis anilibus consentimus. Und doch mögen ihm Geschichtschreiber,die das kritische Princip bis zur Manier treiben, wie Adelung, in nichts trauen.