108 NATURPOESIE.
währenddem fast alle Producte der Ritterpoesie, auch die un-bedeutendsten, oft in zahlreichen Abschriften sich erhalten? Sowie übrigens allzeit das Gedicht verschieden war, so musstees auch jeder Originalcodex werden, und höchst wahrscheinlichhat z. B. auch eine in der Erzählung abweichende Recensionvon dem Nibelungenlied noch existirt, nämlich diejenige, auswelcher im Anhang des Heldenbuchs ein Auszug gegeben, unddie übereinstimmt mit der in der Wilkina Saga. Merkwürdigist es auch, wie die grösseren Ergänzungen des MünchnerManuscripts (die man in der Edition von Hagen findet) ganzwie bei Volksliedern, wiewohl genau einpassend, doch auch, ohneden Sinn zu zerstören, weg sein können.
Es scheint, dass bis zum zwölften Jahrhundert die deutschePoesie in ihrer Eigenthümlichkeit fortgeblüht habe, immer rei-cher und anmuthiger, und fände sich das Nibelungenlied infrüheren Zeiten aufgeschrieben (wozu jedoch wenig Wahrschein-lichkeit ist), so würde es kürzer, unbehülflieber in Worten,aber in grösserem und strengerem Stil sein, denn das ist derGang des menschlichen Geistes, dass er in seiner Fortbildungimmer mehr nach Abrundung und Anmuth strebt, in welchedie Grossheit der ersten Idee allmählich versinkt und endlichganz verschwindet. Jenes Entferntsein von fremden Einflüssengereichte ihr allerdings zum Vortheil, denn da die Bereicherungnur durch Einzelne bewirkt werden konnte, so musste der Vor-theil eines grösseren Umfangs verschwinden, dadurch dass dieNationalsage nun durch die fremdartige, individuelle Bildungdes Erwerbers gefärbt, aufhörte dem Volk eigen zu sein unddaher an intensiver Grösse verlor, was an extensiver gewonnenward. Überhaupt nichts ist misslicher, als wenn die Cultureiner Nation nicht in ihrer eignen Natur gegründet, sonderndurch eine fremde gewaltsam fortgetrieben wird: es entstehtdann eine Spaltung zwischen den Einzelnen, die auf einenhöheren Punkt durch fremde Hülfe sich gearbeitet, und zwischender Totalität der Nation, welche auszufüllen jene sich umsonstbemühen, die vielmehr immer grösser wird, da das Fortschreitendes Einzelnen ungleich leichter ist. Diesem Umstand muss esauch zugeschrieben werden, dass sich durchaus keine eigen-