ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 105
hier hat die Poesie bei einem Punkt verweilt und ihn entfaltet(z. B. die Ermordung der Geschwisterkinder), der dort neben-hin angeführt war, so auch sind die Fäden, mit welchen dieSage dort an andern hieng, hier ganz verschieden eingeschlungen.Die schöne Erzählung z. B. von der Schwanhilde fehlt in dendeutschen Recensionen.
Das Dasein dieser Sage in Deutschland kann schon auseiner Stelle des Wolfram von Eschilbach (lebte am Ende des12. und zu Anfang des 13. Jahrhunderts) in seinem Parcivalbewiesen werden, worin er darauf anspielt:
V. 12677. [421, 23-28.]
Gib che [Sibohe] nie swert erzoch,er was ie bi den da man vloh;doch muose man in vlehen.groze gebe und starchiii lehenenpfieng er von E[r]meriche gnuoch,nie swert er doch durch heim gesluoch.
Erhalten ist sie für uns nur in der Übersetzung derWilkina Saga, wo sie cap. 249 ff. vorkommt:
Ermenrekur, ein mächtiger König, dessen Gebiet bis andie Bulgarei (Bolgeraland), Griechenland und das adriatischeMeer sich ausdehnte, sendet einen seiner Räthe Sifka nach derStadt Farkastein, um Streitsachen zu beendigen. In seinerAbwesenheit verführt er dessen Gemahlin Odilia mit Gewalt.Sifka erfährt von ihr die erlittene Schmach und rächt sich nun,dass er den König verleitet, seine Kinder und Anverwandteumzubringen. Zuerst veranlasst er, dass dessen Sohn Fridrekzu dem König Osantrix in Vilkinaland geschickt wird, dortlässt ihn Sifka von dem Burgvogt, seinem Anverwandten, ermor-den, und Ermenrekur muss die Schuld auf Osantrix schieben.Der andere Sohn Reginbald wird vom Sifka genöthigt, aufeinem zerbrechlichen Schiff eine Fahrt zu unternehmen, und erversinkt mitten auf dem Meer. Auf einem Jagdzug klagt erdarauf den dritten Sohn Samson an, dass er seine Tochter ge-schändet, der erzürnte Vater greift den schönen Jüngling anden Haaren und wirft ihn vom Pferd, wo er alsbald von denThieren zertreten wird. Wie der König nach Haus kommt,wird ihm die Nachricht von Reginbalds Tod gebracht, und