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1 (1881)
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ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. . 97

dann das lateinische Gedicht:de prima Attilae expeditione",das ganz nach römischen Mustern umgebildet, alle Eigenthüm-lichkeit und poetischen Werth hat aufgeben müssen und unsgeschichtlich merkwürdig ist.

Bei dem Volk indessen lebten diese Gesänge fort. InUnwissenheit und Unschuld entfaltete sich die Poesie immer ! 'mehr und zog an sich, was neuere Begebenheiten, Volksglaubeusw. Grosses und Reizendes darbot, alles vermischend undverwechselnd. An jedem Ort mussten sie nach und nach ein-heimisch sein, und darum brachte sie das Entfernte herbei undsetzte die Nähe in geheimnisreiche Ferne, Gegenden, Zeit und \Völker_-Uintauschcnd. Wie jede Nation eine ihr mehr eigeu-thümliche Sage gehabt hat, so scheint der hörnerne Siegfried,Wittich, Wielands Sohn, etc. nordisch, Wolfdietrich und Ottnitund die constantinopolitanischen Geschichten südlich, wahr-scheinlich später etwas entstanden zur Zeit, wo die Longobardenin Italien blühten, das Nibelungenlied, Attila, Hagen, Günther,Chriemhilde eigentlich deutsch zu sein. Denn so zeigt sich inden ersten die nordische Tiefe, das Ungeheure und Riesenhafte,in den andern schon ein viel farbigeres und wärmeres Colorit,manche Erinnerung an den Orient und seine Üppigkeit, indem letztern eine schöne Vereinigung, eine gemilderte Grösse,und die Liebe, die in den nordischen Sagen fast frech, gewalt-sam und wild ist, erscheint hier in Schamhaftigkeit und deut-scher Zucht. 1 ) Die nordischen Sagen aus diesem Cyklus sindgenau verbunden mit den deutschen, deuten auf sieh, hin undergänzen sich gegenseitig. Dieterich von Bern, wiewohl imEinzelnen von andern übertroffen, ist am Ende immer der Sieger,der Tapferste und Menschlichste und der eigentliche Mittel-punkt der ganzen Dichtung. Merkwürdig ist, dass sich in dennordischen Sagen keine Spur von jenen südlichen findet, dieauf eine spätere Entstehung deutet, wo Scandinavien schonmehr von Deutschland abgeschlossen war. In jenen tritt zwarder nordische Alberich auf, aber nur dem Namen nach, denn

: ) In den nordischen Gedichten geniesst Siegfried wirklich Brynhilldensheimliche Umarmung, wie edel und rein dagegen die Erzählung des Nibel.-Lieds.

W. GRIMM. KL. SCHRIFTEN. I. 7