■96 NATURPOESIE.
kannt genug. — Ein solch edler Spielmann war Volker vonElsass, der vor Gotelinde spielte 1 ), und wo ist wohl schöner dieMacht der Poesie angewendet worden, als wie er seine Freundenach dem grossen Verderben in den Schlaf singt und denSchmerz im Gesang mildert 2 ).
Es leidet keinen Zweifel, solche Lieder, deren Inhalt dieKämpfe und Thaten vergangener Zeiten waren, Hess Carl derGrosse (nach der oft citirten Stelle beim Eginhard) sammeln,aufschreiben, und lernte sie auswendig. :i ) Daran muss mannicht denken, dass sie damals allgemein verzeichnet wurden,nicht als ob dies unmöglich gewesen 4 ), sondern weil es derNatur eines Volksliedes entgegen ist. Überhaupt war alleBildung ausländisch, welche dieser Lieder nicht achtete, unddarum waren sie Ludwig dem Frommen, der griechisch undlateinisch wie seine Muttersprache redete, zuwider, dass er sieweder lesen, hören, noch hersagen wollte. 5 ) So ist nur zweierleiaus dieser Periode, aber nicht in ursprünglicher Reinheit übriggeblieben: die Erzählung im altsächsischen Dialekt von Hilde-brand, wahrscheinlich ein solches Volkslied, dessen Inhalt un-rhythmisch vielleicht zur Übung aufgezeichnet wurde 1 '), und
') Nibelungenlied V. 6550. [260, 4, 1—3 Z., 1643, 1-3 L.]Volker mit siner videlen danchom gezogenliche für Gotelinde stan,er videlt sueze done, und sang ir siniu liet.
2 ) Nibel. L. V. 70S3 ff. [280, 5 Z., 1772 ff. L.].
3 ) — memoriae mandavit. Dies seheint der rechte Sinn zu sein, wennman damit in Verbindung bringt, was unten in der Stelle von Ludwig demFrommen gesagt wird. Wahrscheinlich war es Sitte, dass die Jugend diehistorischen Lieder früh auswendig lernte.
4 ) Die Deutschen hatten wohl Runen in dieser Zeit, wahrscheinlich abernur zu Inschriften. Dass Geistliche schreiben konnten, zeigt schon Wulfila,eben Carl der Grosse, einerlei, ob er selbst schrieb oder aufschreiben liess,und Ludwig der Eromine, der die Volksgesänge nicht lesen wollte. Das Volk
■aber hatte keine Schrift, denn Ottfried aus dem 9 ten Jahrhundert sagt sehrklar: res mira usum scripturae in propria lingua non.habere.
5 ) Theganus de gestis Ludewici c. XIX. apud Schilter SS. RR. GG. p. 74.:poetica carmina gentilia, quae in iuventute didicerat, respuit, nee legerenee audire nee docere voluit.
6 ) Neu übersetzt im Neuen literar. Anzeiger 1808, No. 3 [von W. E. ILRoinwald.].