94 NATURPOESIE.
ihnen das Andenken daran, und in dem ewigen Tag derselbenwandeln die Helden, unsterblich, allen sichtbar, und den Göt-tern am nächsten. —
So treibt Poesie und Historie, als Epos, aus einer Wurzel,und beide blühen neben einander. Auch späterhin wird jeneimmer von dieser begleitet, d. h. wo wirklich etwas geschiehtund das Leben sich regt, da fehlt es nie an einem bewegtenSinn, der es aussprechen kann.
Bei jeder Nation blickt der Moment einer neuen Grund-bildung eines neuen Entstehens durch, in hellerem oder trüberemLiebte, wie verschieden die Umgebungen und Motive sind.Carl der Grosse erschuf Frankreich und lebte viele Jahrhundertelang in der Poesie desselben. Um aus spätem Zeiten ein Bei-spiel anzuführen: wie der Cid Spanien erst Sicherheit undDauer gegen die Araber, so gab er ihm auch eine National-poesie, welche das Andenken an sein Ritterthum in schönenLiedern bewahrte.
Gross und welterregend, wie noch alles, was aus demLeben dieser Nation durchbrechen konnte, hat sich jener Punktbei den Germanen gezeigt. Schon aus den frühsten Zeitenhaben wir Zeugnisse fremder Schriftsteller von ihrer Existenz. 1 )In einem langen Zeiträume schweigt alle Geschichte, und wosie wieder anhebt, etwa mit der christlichen Zeitrechnung, dafinden wir noch ein ungezähmtes Volk, meist als Nomaden, inherumziehendem Leben. Allmählich erscheint das Streben nachCultur in der Entstehung einzelner Völkerschaften und beson-derer Verbindungen, endlich aber erzeugte es jenen ungeheurenKampf, den nicht bloss ein neues Herandrängen aus dem Mutter-lande, aus Asien, sondern dieses innere Bedürfnis herbeiführte:die Völkerwanderung. Das ist das grosse Resultat der-selben, dass aus ihr Germanien neu geordnet hervorgieng. Sielegte den Grund zu der Form, in welcher es sich entwickelte,und sie wies den Völkern die Plätze an, die sie noch jetzt imGanzen behaupten. Es erscheinen Gesetze, welche den Staatund das Privatleben bestimmen, und die milde Religion derchristlichen Kirche fieng an Eingang zu gewinnen.') s. Adelung älteste Geschichte der Deutschen.