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1 (1881)
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ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN POESIE. 93

die besten Historiker gedacht. Und warum giebt die Poesiedes Nibelungenlieds, des Homeros eine viel reinere und leben-digere Anschauung, als alte Geschichte? Die Heldenschar be-wegt sich vor uns, und wir ziehen mit ihr in den Kampf, wirstehen mitten in ihrer Versammlung, wir sehen die Zucht edlerFrauen und eine ganze schöne Menschheit in Lust und Trauer,währenddem die Geschichte nur hinzeigt auf die öden Felder,wo einst diese Männer hergeschritten, oder ein Schwert aus- «gräbt, auf welchem die Jahrzahl entdeckt werden kann.

Wenn es aber wahr ist, dass Poesie und Geschichte nurzu gleicher Zeit sich erzeugen, so kann jene nicht mehr sein,wo diese aufhört; nur da wird sie geboren, wo der Menschin freiem Ringen mit der Welt die Glieder übt und muthigdas Leben umarmt.

Darum ist jener Punkt so herrlich in der Geschichte, woein Volk vereinzelt oder in Ungebundenheit lebend, nun dasBedürfnis fühlt nach Ordnung, Cultur und Sitten. Wie über-all, geht auch hier erst aus einem wilden Kampf, aus einer un-geheuren Gährung die Ruhe hervor, aber eben in solchem Zu-stand des Werdens, wo jeder Augenblick erwirbt und jederAugenblick das Erworbene verlieren kann, wo einer wie alledas Ganze festhält, immer bereit, davon zu geben, was ihmnur theuer; in solchem Zustand einer beständigen Anregungist es, wo die Tugend des Menschen aufgeboten und alle ge-heime Kraft wach wird. Dann werden alle Quellen des Lebensaufgethan, dass es in jugendlicher Freiheit ströme, und jenegöttlichen Menschen stehen auf, die wie Riesen sich erhebend,gewaltsam hingehen über die Erde und sie ordnen nach ihremSinne.

Und ist nach solch grossem Streit die Welt erworben,dann kommt die Ruhe des Friedens, in der sich Häuser undStädte aufbauen. Gesetze, mildere Sitten, Eintracht der Ge-selligkeit ordnen das Leben. Die Lanzen des Kriegs ergrünenin der fruchtbaren Erde und fügen sich zu blüthenreichemLaube, in dem Fröhlichkeit und Lebenslust wohntj bald trittdie Poesie herzu und verkündigt in schlichten Worten dieThaten jener Zeit. Wie die Wipfel hoher Berge steht unter