ÜBER DIE ENTSTEHUNG DER ALTDEUTSCHEN
POESIE UND IHR VERHÄLTNIS ZU DER
NORDISCHEN.
Studien. Herausgegeben von Carl Dann und Friedrich Creuzer. Heidel-berg. 8. Bd IV (1808), S. 75 - 121, 216 — 288) *).
U berall, wo wir zurückgehn auf die frühsten Zeiteneines Volks, ist es leicht zu bemerken, wie Poesie und Historieungetrennt von einem Gemüth aufbewahrt und von einem be-geisterten Munde verkündet wurde. Beide vereinigen sichdarin, das Leben mit all seinen Äusserungen aufzufassen unddarzustellen. Erst eine spätere wissenschaftliche Ansicht musssie trennen, welche der Poesie nur ein unbeschränktes Auf-wachsen gönnt, die Historie aber, nachdem der Glauben an dieTreue der Volksgedichte verloren gegangen, auf jene kritischeWahrheit beschränkt, die an sich nichts gewährt und nur dannWerth hat, wenn sie verbunden ist mit jener höhern poetischen;denn nicht irgend ein blosses Ereignis, sondern in seinem Zu-sammenhang mit dem Leben wollen wir es erkennen; was willauch die Geschichte zuletzt anderes, als dass das Gemüth einBild der Zeiten gewinne, welche sie darstellt? und darum mussdie kritische Historie auf einem andern Weg dahin wieder zugelangen suchen, wo sie schon früher gestanden hatte, einsmit der Poesie, als Nationalepos. In solchem Sinne haben auch
*) [Dazu folgende Bemerkung in der Vorrede: Die zweite Abhandlungdieses Heftes über die Entstehung der altdeutschen Poesie steht mitder in den Heidelbergischon Jahrbüchern (2 ter Jahrg. Fünfte Abthl. IterBd)eingerückten Beurtheilung des v. Hagenschon Nibelungenliedes in genauerBerührung und liefert zu dem, was dort kurz angedeutet ist, den vollstän-digem Beweis. Die Verlagshandlung.]