Druckschrift 
1 (1881)
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

HAGENS NIBELUNGEN. 79-

Accentuiren, ohne strenges Abmessen, dann die unvollkommenenReime oder blosse Assonanzen; daher aber auch, weil Gesangdamit verbunden ist, ein schöner natürlicher Rhythmus, derüberall unbewusst, wie es der Sinn verlangt, steigt und fällt,aus einem Silbenmass übergehend in das andere. Dieses allesfindet sich, wie in jedem Volkslied, auch im Nibelungenlied.Je mehr nun die Poesie zur Kunst sich neigt, desto mehr Ab-messung und Regelmässigkeit des Silbenmasses, Verschlingnngund Richtigkeit der Reime; vorher bildete sich der Rhythmusund das Silbenmass nach dem Gedicht unwillkürlich ausinnerer Nothwendigkeit, jetzt erst wird eine Norm constituirt,welche gewählt wird, und dann das Gedicht darnach abgemessen;das ist das Entscheidende, und dieses schreitet beständig fort,dass es sich in Einseitigkeit und blosse Form verlieren kann,wie z. B. bei den spätem Meistersängern. Eben so geht jenernatürliche Rhythmus verloren und wird ersetzt durch einennach und nach entstehenden künstlichen, auf Speculation beruhen-den, der doch jenem an Wirkung oft nachstehn muss. Daherist die Idee des Verf. durchaus falsch, anzunehmen, dass demNibelungenlied ein gewisses bestimmtes Silbenmass zumGrund liege, wovon die vorhandene Unregelmässigkeit Ab-weichung sei und wieder hervorgehoben werden müsse ler legt etwas hinein, das nicht darin ist. Jene Ansicht wirdsich auch historisch beweisen lassen: die Abtheilung des Verses,wie sie im gedruckten Heldenbuch und in einer HS. aus dem15ten Jahrh. vorkommt, (und das kann in Ansehung des Silben-masses dem Nibelungenlied gleich gehalten werden) mit dendoppelten Reimen, findet sich erst später und immer entschie-dener. So ist sie in dem Manuscript zu Rom schon häufig, indem Wenigen aber, was von einer früheren Recension bekanntist, fehlt dieser Reim gänzlich, und es ist genau das Silben-mass des Nibelungenlieds. Wenn er sich in diesem aber aneinigen wenigen Orten findet, so ist dies Zusatz späterer Zeitund berechtigt etwa nicht zu dem Schluss, dass dieses die ur-sprüngliche Form sei. Ferner: in allen Volksliedern zeichnensich beständig die altern durch ein regelloseres Silbenmass aus,und wenn man verschiedenzeitige Recensionen desselben Lieds