78 NATURPOESIE.
wir führen nicht weiter Beispiele an, da sie leicht zu findensind. Ebenso ist es mit dem Fall, wo das Geschlechtsworthinter das Hauptwort gestellt wird:365. Hort, der Nibelunges, der war gar getragen,
im Original:
357. [90, 1] der hört Niblunges der was gar getragen.Hier ist es sonderbar genug, dass die Modernisirung alter-thümlicher ist als das Original. (Dass übrigens gar müsse darheissen, bemerkt man gleich.) Manchmal erscheint es, als habe derVerf. das Werk nur ein paar hundert Jahre, etwa in daslöte Jahrh., weiter rücken wollen, denn er bringt Alterthümlich-keiten hinein, die sich nicht in dem Original befinden, für derenErklärung dann wieder das Glossar zu sorgen hat (es sind diemit einem Stern bezeichneten Wörter); und mit Recht, dennwir wissen z. B. nicht, ob „dickmalen" deutlicher ist als: vil dike.Zu diesem Zweck sind verschiedene Mittel angewendet worden(siehe S. 500); z. B. Ausdrücke des Kurial- und Kanzleistils,wohin das uns immer unangenehm vorgekommene „massen"(für wände) gehört. Dieses künstliche Treiben ist durchausunmöglich, und jede Nachahmung irgend einer Zeit auf dieseArt immer Manier, wie es denn auch hier gar nicht die Sprachejenes Jahrhunderts ist, noch hätte sein können, wenn damalsdas Nibelungenlied modernisirt worden wäre.
Silbenmass und Rhythmus. Der Verf. äussert dieGrundsätze, die er befolgt S. 524. 525: „die Verse seien inihrer Freiheit und Mannigfaltigkeit wiedergegeben, jedoch diedarin zum Grunde liegende Regelmässigkeit hervor-gehoben, der nicht selten trochäische Rhythmus zwar nichtgänzlich vertilgt, aber auch oft in den vorherrschenden jam-bischen verwandelt" usw. Wir haben folgende Ansieht:jede Beschränkung durch Silbenmass und Reim führt sich einals Gesetz, innerhalb welchem die Poesie, die zugleich Gesangist, sich bewegt; nothwendig, weil sie sich in einer gänzlichenUngebundenheit nicht bewegen kann. Um aber so frei alsmöglich zu bleiben, nimmt sie diese Beschränkung nur so weitan, als höchst nöthig ist, daher nur ein gewisses gleichförmiges