72 NATURPOESIE.
lieds für unmöglich, das ist aber eine Eigenschaft grosserDichter, dass sie uns mit dem überraschen, was andern uner-reichbar scheint. Wie wir denjenigen nicht tadeln, der dasSchwert seiner Vorfahren, für seinen Arm zu schwer und gross,abbricht, weil er sich vertheidigen muss, noch auch den, dersich aus einem grossen Tempel, den die Götter verlassen haben,eine Kapelle aufbaut, die er seinem Gott weiht, so kommt hierdie Frage nicht in Betracht: ob solche neue Gestaltungen besserseien, als das Original? die auch viel allgemeiner ist undeigentlich fragt: ob die Poesie unserer Zeit besser sei, als jene?darauf wird aber niemand jetzt unparteiisch antworten können,wo jeder von seiner Zeit befangen ist, entweder dafür oderdagegen; und jeder mag nach seinem Glauben leben.
Das vorliegende Werk soll eine Erneuung und Wieder-erweckung des Originals sein durch eine genaue und getreueÜbertragung aus der Sprache und Mundart jener Zeit in diejetzt lebende (S. 488. 489). Es soll der Nation ihr Epos ge-geben werden und einem Dichter Gelegenheit, ein nationalesDrama zu erschaffen (S. 479). Unser Urtheil über eine solcheBearbeitung haben wir schon oben ausgesprochen: wir haltendie Idee, von der sie ausgeht, für durchaus falsch und erklärendiese Arbeit geradehin für etwas Misslungenes. Ehe wirdieses Urtheil begründen, wollen wir eine Bemerkung voraus-schicken. Ein jedes Nationalgedicht kann nicht gedacht wer-den ohne das Volk, in welchem und für welches allein es ent-stand, verändert die. Zeit das Vo jk 1 so hört es auf, diesem, sowie jedem andern, ein solches zu sein, unbeschadet der Fähig-keit des menschlichen Geistes, es in dieser Eigenschaft zu er-kennen. Um dies durch ein Beispiel zu erläutern: das Nibe-lungenlied ist uns ebenso fremd und ebenso nah, als derHomer, und eine moderne Bearbeitung desselben würde dem-nach jeden Gebildeten interessiren, aber der Nation in keinemBetracht ein Werk gegeben werden, wie es das Nibelungen-lied seinen Zeiten war. So kann auch von einem National-drama, welches daraus entstehen soll, (auf das besonders derRec. in der Hallischen Lit. Zeitung frohe Erwartungen hegt)nicht die Rede sein, weil ein Parterre dazu gehört, das seine