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70 NATURPOESIE.
Gedichte zu modernisiren? es liegt etwas Unheiliges darin, ein-zugreifen in das Eigenthum eines Dichters oder einer Nation;warum lässt man jener Zeit nicht das Ihrige? Diejenigen,welche sich Kenntnisse der altdeutschen Sprache verschaffen,was zu diesem Zweck nicht allzu schwer ist, mögen sie lesenund sich daran erfreuen, und die Kritik hat nur einen reinenText zu liefern; den andern überlasse man, was ihre Zeit giebt.Wir_jjajLw£)i±en-darauf, also: In jener schönen Unersättlichkeit desmenschlichen Gemüths, in dem beständigen Fortstreben und daherin dem liebevollen Umfassen und Ansichziehen, das besonders diedeutsche Literatur charakterisirt, und dass ihr die Ausdehnung undFreiheit gegeben, der sie sich erfreut, darin liegt auch die Noth-wendigkeit des Modernisirens.^ Gehen wir zurück auf die frühenZeiten (um allein bei der deutschen Nation zu bleiben undnicht von dem zu reden, was aus andern Gründen als Not-wendigkeit betrachtet werden kann: von den Übersetzungender Bibe l), so zeigt sich diese Neigung schon eben in derÜbertragung jener Menge nordfranzösischer Gedichte, desVirgils, des Homers, dann, wie es die Kräfte erlaubten, einesjeden ausgezeichnet erscheinenden Buchs; ebenso wurde jedesProduct einheimischer Poesie nach den Bedürfnissen und An-sichten der Zeit verändert. Hans Sachs stellte bei einer un-gemeinen Belesenheit das Leben der Alten mit sichrer Hand'in den Kreis seiner Welt. Wie sich dieses Bestreben weitergeäussert, darüber kann die ausführliche Literatur der Über-setzungen belehren, und es ist wohl nicht nöthig zu erwähnen,auf welchem Punkt es in der neuern Zeit steht. Was aberhistorisch sich als richtig zeigen lässt, was die Zeit anerkannthat, dagegen sollte man vor allem sich nicht wehren und sichfreuen, wenn eine tüchtige Modernisirung das Schönste der alt-deutschen Poesie uns wiedergiebt und zu eigen macht. Unddieses kann nicht für ein freches Eingreifen gelten, da das Alteunberührt bleibt, nur jenes Modernisiren durch neue Formenmacht den Anspruch, dasselbe Gedicht zu sein, währenddemes, ohne ihn durchsetzen zu können, viel weniger ist. In derArt aber, wie jenes Übertragen geschah, kann allein dasMuster liegen, das wir jetzt zu befolgen haben. Vor der