68 NATURPOESIE.
Wege: des kritischen, wissenschaftlichen und despoetischen. Wir unterlassen es hier von dem erstem zureden, wo, was zu thun sei, leicht erkannt wird, und wendenuns zu dem zweiten, der schwieriger scheint. Denn nach bei-den Seiten hin finden sich Anhänger, welche die Frage: obman diese Gedichte durch Modernisiren in die jetzige Zeit her-über bringen dürfe? verneinen und bejahen. Und wenn nunin dem Glauben an die Richtigkeit des letztern ein Werk er-scheint, welches das Höchste begreift, was die altdeutsche Poesiehat, so ist es doppelt nothwendig, die Sache zur Sprache zubringen. Es kann das Modernisiren zweifach gedacht werden,einmal ^dass die alten Formen bloss in neue sollen verwandeltwerden, sonst aber das Ganze unverändert bleibt,^ oder dass di eIdee des Gedichts aufgefasst und aufs neue nach den Ansichtender neuen Zeit wieder gestaltet werde. — Das erste ist in allerHinsicht zu verwerfen aus folgenden Gründen. Erstens: jedesGedicht ist als solches ein organisches Ganzes, jeder Ausdruck,jedes Wort ist Abdruck der zum Grunde liegenden Idee unddarf durchaus nicht weggenommen werden oder durch Fremd-artiges ersetzt, ohne diese zu zerstören, ohne einen Widerspruchmit dem andern; kurz dieses^ Modernisiren ist ein heilloses Zer-trennen und Auflösen. Denn das ist eben das Zeichen einerechten Poesie, dass sie allein das Wort gefunden hat, in demder Gedanke sich ausdrückt, das sich gleichsam fest auflegtauf das Bild, welches in der Tiefe des Gemüths ruht und esbedeckt. (Für die Nachahmer altdeutscher Poesie, die das vor-aus haben, dass sie nichts verderben, als andern auf eine Zeitdie Lust daran, fahren wir fort: daher Manier entsteht, wo dasnicht ist, und daher jede Nachahmung Manier wird, weil dasWort nicht freiwillig quillt aus der Sache selbst und sie erstaufbauen soll, es ist ein abgerissener Zweig in dürren Grundgesteckt, der bald welkt.) Auch das ist wahr; jedes Volks-gedicht ist es nur, insofern es in seiner Zeit steht, und ausdieser herausgenommen verliert es seine Bedeutung. Es er-scheint dann, wie etwas, das uns nicht anregt, weil es nichteingreift in unser Leben, für jene Zeit aber die innere Wahr-heit verloren hat, durch die wir es allein verstehen können.